Diskussion - Beitrag von Frau Prof. Dr. Petra Kolip:

Frage:
Wie beurteilen Sie das Branding, es taucht in Ihrem Beitrag nicht weiter auf, ist es gar schon verschwunden – im Sinne von hat sich nicht durchgesetzt?
Antwort: Diese extreme Art der Körpergestaltung könnte sich bei Jugendlichen in Zukunft stärker durchsetzen, wenn z.B. Eltern ähnliche Formen der Körpergestaltung übernehmen, sich also auch piercen oder tätowieren lassen, sozusagen als Trotzreaktion der Jgdl.

Frage: Sie sagten, dass Sie Piercings und Tattoos für psychologisch gesund halten. Denken Sie das gleiche beim Branding und Cutting?
Antwort: Nein, aber die Auseinandersetzung mit den Extremen.

Frage: in Ihrem Vortrag erwähnten Sie, dass Rauchen ein bestimmtes Risiko für gepiercte Menschen darstellt. In welchem Zusammenhang?
Antwort: Bezogen war dies auf das Rauchen bei frisch gestochenen Piercings,
Teilnehmer: Rauchen hemmt den Heilungsprozess. Es besteht in dieser Hinsicht Aufklärungspflicht, da die Personengruppen die sich piercen lassen, vornehmlich auch rauchen.

Frage: Warum lassen sich Jugendliche die Zunge spalten oder ein Branding machen? Welche Gründe veranlassen Jugendliche dies zu tun?
Antworten: Der Versuch, die Schmerzgrenze zu überschreiten, Grenzen allg. zu überschreiten, wie weit kann ich in der Gesellschaft gehen.
Jugendliche möchten eine Form der Körpergestaltung finden, durch die sie selbst entscheiden können, wem sie die zeigen, und wann, wie und wie oft sie es entfernen können.

Frage: Hängt das Tragen von Piercings und Tattoos mit der sozialen Schicht und der Bildung zusammen?
Antwort: In der Regel nicht, es wird quer durch die Schichten praktiziert. Tendenziell aber mehr von Hauptschülern.

Frage: Wie ändert sich die Einstellung zum Piercing mit den Jahren, in denen Jugendliche eines tragen? Wie zufrieden sind sie nach einigen Jahren?
Antwort: Männer nehmen z.B. ihr Brustwarzen - Piercing eher nach einiger Zeit heraus als Frauen, aber hierfür gibt es keine Studien.

Frage: Warum vergrößern sich die Brustwarzen?
Antwort: Mechanischer Reiz führt zum Wachstum, ist jedoch reversibel.

Frage: Tattoos und Piercings sollen gesellschaftlich anerkannt werden. Allg. Frage: Warum hat diese Veranstaltung relativ gesehen so wenig Resonanz, obwohl sie so sehr beworben wurde? Ist es Lustlosigkeit, oder besteht gar kein Interesse an diesem Thema? Warum sind Sie heute gekommen? Welche Motivation hatten sie an dieser Veranstaltung teilzunehmen?
Antwort: Das Thema hat ein Stück Faszination, aber auch Ekel. Dieses Thema ist wichtig, weil man sich täglich damit auseinandersetzen muss, wenn man mit Jugendlichen arbeitet, um pädagogisch damit umgehen zu können. Dann besteht ein gesundheitliches und med. Interesse – welche Risiken gibt es? – Welche Studien gibt es?

Hinweis: Bodybuilding und Diät sollte hier bei den Formen der Körpergestaltung nicht außer Acht gelassen werden, sie sind nicht weniger riskant
Antwort: Das Thema wurde von Fr. Prof. Kolip eingegrenzt und damit hauptsächlich auf Piercings und Tattoos beschränkt.


Diskussion - Beitrag von Herrn Dr. Volker R. Jacobs:

Frage:
Was ist Scarification?
Antwort: Scarification ist ein kl. Einschnitt oder Stich in die Haut zur Blut- od. Flüssigkeitsentnahme (med.) – hier werden sich mit scharfen Gegenständen Muster in die Haut geschnitten, welche dann vernarben.

Frage: Sind Ohrringe auch Piercings?
Antwort: Im Grunde ja, aber sie werden nicht als Piercings bezeichnet, da sie gesellschaftlich anerkannt sind.

Frage: Warum treten beim Piercen Nebenwirkungen auf?
Antwort: Mangelnde Hygiene, schon beim Stechen, es gibt besonders ungünstige Stellen, an denen Reibungen entstehen können, sowie individuelle Reaktionen auf ein Piercing.

Frage: Fazit: Was raten sie Jugendlichen?
Antwort: Ich möchte nur auf mögliche Risiken hinweisen. Die Jugendlichen sollen das Risiko selbst abschätzen und erkennen können. Dafür ist es auch notwendig, sich die Studios genau anzusehen.

Frage: Fr. Kolip ist der Meinung, das Piercings psychisch gesund sind. Sind sie auch physisch gesund?
Antwort: Psychisch vielleicht, aus med. Sicht nicht.

Frage: Ärzte/innen bieten auch das Stechen von Piercings an. Wie ist ihre Haltung demgegenüber?
Antwort: Das muss jede/r ArztÄrztin selbst entscheiden, ob er/sie es mit seinem Gewissen vereinbaren kann oder nicht.

Hinweis: Piercer und Tätowierer sind für ihren Beruf nicht speziell ausgebildet. Jeder kann praktisch diese Tätigkeit ausüben. Er wird nicht überprüft.

Frage: Gibt es ein gewisses Aufsichtsamt, wie das Hygieneamt für Piercingstudios?
Antwort: Nein, sie benötigen nur einen Gewerbeschein. Um diesen jemanden zu entziehen sind Auszahlung nötig.

Frage: In welcher Relation stehen die Schäden durch Piercings zu anderen Modeerscheinungen wie das Tragen von zu engen Hosen oder zu hohen Schuhen?
Antwort: Darüber gibt es keine Erkenntnisse.

Hinweis: Oralpiercings zeigen viele Schäden auf.

Frage: Wie kann ein salutogenes Verhalten erreicht werden? Wie kann die Zielgruppe erreicht werden?
Antwort: Risiko ist groß, jeder muss es entscheiden. Jugendliche können das Risiko nicht abschätzen. Wichtig ist, die Jugendlichen zu informieren.
Med. Risiken schrecken ab, generell sollte aber vermieden werden, das Piercing zu verbieten, Minderjährige sollten durch gesetzlich Regelungen davor geschützt werden.

Frage: Ist Piercen eine Sucht?
Antwort: Ja, weil viele Jugendliche, die ein Piercing haben, weitere haben wollen. Jugendliche identifizieren sich mit ihren Piercings und wollen sie nur ungern entfernen lassen. Bei Komplikationen gehen die wenigsten zum/r Arzt/Ärztin, weil sie Angst haben, dass der/die Arzt/Ärztin sagt, dass sie das Piercing herausnehmen müssen. Piercingstudios binden Jugendliche, weil hier eine familiäre Atmosphäre herrscht. Dadurch kommen viele Jugendliche zu ihrem ersten Piercing oder Tattoo.

Frage: Gibt es so etwas wie eine Hierarchie nach den gefährlichsten Körperstellen.
Antwort: Gefährlich ist es an Schleimhäuten wie im Intimbereich oder am Gaumenzäpfchen, an zweiter Stelle folgt der Bauchnabel.
Hinweis: Keine Anwendung der Schußmethode in Knorpel, z.B. Nase nur stanzen lassen, nicht schießen. Auf Hygiene achten.

Frage: Bezug nehmend auf Akupunkturpunkte, sind diese in den Tattoo- und Piercingstudios bekannt?
Antwort: Akupunkturpunkte befinden sich vornehmlich an den Seiten des Körpers. Diese Punkte überschneiden sich mit den Stellen von Piercings eigentlich nur am Ohr. Kein Problem entsteht, wenn die entsprechende Stellen auch am Fuß vorhanden sind.
Befindet sich an einem Akupunkturpunkt, mit dem man Magenschmerzen behandeln kann, ein Piercing, wird man diese nicht richtig ausheilen können. Piercer kennen teilweise diese Stellen, ist für sie eher uninteressant (weil in dem Alter Behandlungen dieser Art oft noch ausstehen).


Diskussion - Beitrag von Frau Heike-Solveig Bleuel:

Frage:
Gibt es Ausbildungen/Schulungen für Piercer und Tätowierer ?
Antwort: Um ein bestimmtes Gütesiegel zu erhalten, ja.

Frage: Sie bieten einerseits einen offenen Raum für Gespräche über Piercings und Tattoos, raten dann aber doch eher davon ab. Warum?
Antwort: Es gilt, die Akzeptanz von Kritik bei Jugendlichen zu erreichen. Das geht nicht, wenn Sie Ihnen gleich Ablehnung signalisieren.

Frage: Werden die Veranstaltungen in Anwesenheit der Lehrer/innen durchgeführt?
Antwort: Lehrer/innen sind gern gesehen. Sie haben oft das Hintergrundwissen zu diesem Thema nicht.
Hinweis: Pädagogen/innen/innen sind nicht kompetent genug, um diese Informationen weiterzugeben, deshalb ist es besser mit Experten/innen zusammenzuarbeiten.

Frage: Wie werben Sie für ihre Veranstaltungen?
Antwort: Mundpropaganda und über die eigene Homepage, das ist ausreichend.


Diskussion - Beitrag von Herrn Dr. Wittstock „Behandlungsfall: Tattoo und Piercing“

Frage:
Warum lassen sich die Personen ihre Tattoos weglasern?
Antwort: Sie sehen es als „Jugendsünde“, dass Tattoo gefällt nicht mehr, aus med. Gründen – Allergien – Entfernung von Teilen eines Tattoos, um diese durch andere Motive zu ersetzen.

Frage: Wer läßt sich öfter lasern?
Antwort: Da besteht meiner Ansicht ein ausgewogenes Verhältnis zwischen den Geschlechtern. Speziell in meiner Praxis sind es aber mehr Frauen.

Frage: Wer kann lasern?
Antwort: Im Prinzip jeder, der sich ein Lasergerät leisten kann?

Frage: Gibt es Zahlen von Personen die Lasern, aber keine Ärzte sind?
Antwort: Mir nicht bekannt.

Frage: Wenn Hautärzte als Experten an Schulen fungieren, was würden diese den Schülern/-innen raten?
Antwort: Sie sollten Patienten gut informieren, was eventuell passieren kann.

Frage: Wie ist das mit Allergie und Piercings, ist dieses Risiko immer vorhanden?
Antwort: Es wird immer populärer, Kontakt-Tests zu machen. Auf Grund ihrer Ergebnisse kann sich dann jeder für oder gegen ein Piercing zu entscheiden.


Abschlussdiskussion

Sind Piercings und Tattoos psychologisch gesund, helfen sie Probleme zu bewältigen?
Unter dem Aspekt der Funktionalität, Ja!
Es sollte generell unterschieden werden: Was ist gesund für unseren Körper? Was ist gesund für unseren Geist?
Vielleicht sollte man Tattoos und Piercings einfach akzeptieren, denn oft löst sich das
Problem von ganz allein – heute sind Piercings schick, morgen findet man es
abstoßend.
Man sollte demgegenüber eine positive Einstellung und keine Abneigung zeigen. Abwägen ist wichtig, was will der Jugendliche damit aussagen.
Es ist wichtig zu wissen, was bei Komplikationen zu machen ist, welche Hilfeleistung zu stellen ist. Dazu ist Hintergrundwissen notwendig.
Es ist wichtig den Zugang zu Jugendliche zu finden, und zu wissen was sie darüber denken. Wir Pädagogen/innen können nur informieren, aber die Jugendlichen müssen sich selbst entscheiden.
Die Meinung der Jugendlichen honorieren, ihnen zuhören, Türen öffnen, damit Jugendliche ihre Entscheidung überlegen können.
Stellt sich die Frage, warum es gemacht wird, was so interessant daran ist? Wir müssen den Grund des Phänomens herausfinden, warum Tattoos und Piercings für Jugendliche solch einen großen Reiz ausüben.
Junge Menschen haben ihre eigene Einstellung zum Körper, diesen zu formen und zu gestalten.
Jugendliche sollen lernen, Eigenverantwortung zu übernehmen, ein Risiko einzugehen.
Man kann nur Risiken benennen, was die Jugendlichen daraus machen, wie sie damit
umgehen, müssen sie entscheiden.
Jugendliche erwarten eine persönliche Haltung des Pädagogen/innen, aber keine Wertung.
Es sollte erreicht werden, dass Jugendliche ihren Körper akzeptieren lernen, bevor eine
Operation in Erwägung gezogen wird.
Den Jugendlichen sollte bewusst sein, dass sie für ihren Körper verantwortlich sind. Sie
müssen selbst entscheiden und das Risiko minimieren. Die Pädagogen/innen sollen
informieren, damit Jugendliche das Risiko minimieren können.
Pädagogen/innen sollten akzeptierende Haltung einnehmen, aber auch die Sorge
verdeutlichen.
Funktionalität von Risikoverhalten – eine geschlechtsspezifische Unterscheidung ist
ratsam, wenn äquivalente Methoden angeboten werden. Was kann man zum Thema
Körper tun, welche Angebote schaffen? (Warum tust Du das? Ich kann mich nicht
spüren. Tattoos und Piercings gehen unter die Haut)
Stichwort: Sexualität
Es werden keine Freizeitangebote benötigt, nur damit Jugendliche nicht auf dumme
Ideen kommen.
Pädagogen/innen sollen die Gründe und Motive von Jugendlichen für Tattoos und Piercings finden, Risiken und Komplikationen präsentieren, und ihnen bewusst machen, das es um Schmerz, Haut und Körper geht.

Was wünschen Sie sich für ihre zukünftige Arbeit?
Referent/innen zum Thema, Einen zielgruppengerichteten Flyer umgangssprachlich formuliert, mit Infos: Wann sollte man lieber die Finger davon lassen? Welche Risiken sind zu beachten?
Eine Liste von aufgeschlossenen Ärzten/innen, die kostenlos Rat geben können, Beratung und Förderung von Experten/innen, kostenfreies Telefon, d.h. Info- Beratung und Fortbildung für Pädagogen/innen

Protokoll: Franka Matthies, Alina Weinkauf