IV. Warum wir so antworten, wie wir antworten

Wir möchten, ähnlich wie wir schon für das vorangegangene Kapitel vorab auf unseren jeweiligen Umgang mit Normierungen eingegangen sind, an dieser Stelle die Frage aufgreifen, wie wir mit der Normsetzung der vermeintlich anderen umgehen, hier am Beispiel der Migrationsbetroffenen:

Kapitel 1
Kapitel 2
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Wie halten wir es bei diesem Thema mit einer Unterscheidung zwischen Menschen, die von Migrationsverhältnissen betroffen sind, und dem vermeintlichen Unterschied zu sogenannten Einheimischen?

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Welchen Einfluss haben ggf. sprachliche Unterscheidungen für die Aufklärungsgespräche mit Jugendlichen?
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Brauchen Jungen und Mädchen, die von Migration betroffen sind, andere Antworten?
Kapitel 3
Kapitel 4
Literatur
Frage: Muss ich bei Mädchen und Jungen aus Migrationsfamilien nicht anders antworten als bei deutschen Jugendlichen?

Antwort: Untersuchungen über die Lebenslagen von Mädchen und Jungen aus Migrations- bzw. Aussiedlerfamilien (vgl. Gluszcynski, 1999. S. 91 ff) zeigen, dass es berechtigt ist, sich diese Frage zu stellen (vgl. auch Supprian/Nespor, 2002). Dennoch haben wir in dieser Broschüre bewusst darauf verzichtet.

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Wir möchten nicht den Eindruck erwecken, als müsse man für Jungen und Mädchen aus Migrationsfamilien eine gesonderte Reflexion oder gar eine Extra-Broschüre entwickeln. Wir haben uns dazu einer umfassend geführten Diskussion gestellt, in der zwar konstatiert wird, dass es "kulturangepasste Aufklärungsmaterialien" aus der interkulturellen Pädagogik braucht (Sielert, 2005 116ff), jedoch zugleich der Gefahr zu begegnen ist, Migrationsbetroffene als Personen zu bedenken, die gänzlich andere Problemkonstellationen als ihre Gleichaltrigen haben.

Manche Autoren betonen, dass viele Mädchen und Jungen aus Migrations- bzw. Aussiedlerfamilien ein stärker ausgeprägtes Schamgefühl hätten und dass ein beachtlicher Teil von ihnen in der Schule z.B. von der Sexualerziehung freigestellt wird, weil ihre Eltern nicht möchten, dass sie in diesem Fach unterrichtet werden. Manche Kinder aus Migrationsfamilien würden aber gerne mehr über ihren Körper wissen, doch haben sie Probleme, Fragen, die den eigenen Körper betreffen, zu stellen. Sie haben oft auch schlicht nur wenig Gelegenheit über solche Probleme zu sprechen. Viele fühlen sich auch durch die Darstellung von Sexualität in den Medien verunsichert.

Dennoch haben wir uns entschlossen, uns den Ausführungen von Bentheim und anderen (2005) anzuschließen, die dafür plädieren keinen "Sonderfall Migrationsjugendliche" zu konstruieren. Wir stimmen mit diesen Autoren aus der Männer- und Jungenarbeit überein, dass ein solches Vorgehen die Ausgrenzung verstärkt und damit der Sache selbst nicht gerecht wird. Trotz gegenteiliger Meinungen (vgl. Heiliger, 2005) halten wir die Haltung, die in der Mädchen- und Jugendarbeit erarbeitet wurde, auch in diesem Zusammenhang für tragfähig.

Die Prinzipien in der Mädchen- und Jungenarbeit wurden für alle Betroffenen entwickelt und beziehen sich entsprechend auf alle Mädchen und Jungen. Diese allgemeine Beschreibung muss aber so differenziert sein, dass sie sich jeweils auf die konkrete praktische Situation und die jeweiligen Beteiligten beziehen. So sind auch deutsche Jungen und Mädchen nicht alle gleich, auch sie unterscheiden sich biografisch, sozial-räumlich, schichtspezifisch, geschlechtskulturell und szenenspezifisch (z.B. im Zusammenhang von jugend(sub-) kulturellen Bezüge der Skater, Gothics, Skins, Hip-Hopper, Sprayer, Ökos usw.). Insofern sehen wir den interkulturellen Aspekt der Thematik als eine weitere Differenzierung des Gesamtthemenkomplexes.

Wir teilen die Bedenken, dass eine "vorweg geleistete Zuschreibung bestimmter kultureller Charakteristika oder die Konstruktion von Handlungsmotiven aus kultureller Herkunft eher
problematisch" (Bentheim u.a. 2004, S. 128) sei.
Die oft angeführte höhere Kriminalitätsrate von Migrationsbetroffenen ist sicherlich nicht rückbezüglich an deren "Machokultur" festzumachen. Entsprechend sind auch Gewaltkonstellationen, begründet durch vermeintliche religiöse Bezüge, nicht hilfreich. Vielmehr ist von einer Verbindung zu Armuts- und Ausgrenzungsphänomen auszugehen und es kann auch allgemein bei Menschen mit Migrationshintergrund von Erfahrungen mit Rassismus und Diskriminierung gerechnet werden. "Möglicherweise ist dieses die einzige "Besonderheit", die den sozialpädagogischen Umgang mit Jungen und Mädchen mit Migrationshintergrund auszeichnet" (ebd. 131).

Gewaltlegitimierende Zusammenhänge im Kontext von Religion und Sexualität sind Phänomene, die in dieser Broschüre nicht explizit aufgegriffen werden können - dies würde den Rahmen sprengen. Deshalb gehen wir für die Arbeit mit Migrantenjugendlichen davon aus, dass es sich hier um ganz normale Jugendarbeit handelt.

"Es ist nötig, jede Gruppierung vor Ort kennen zu lernen, ihre Handlungsweisen und Hintergründe zu verstehen, ihre Lebensverhältnisse kennen zu lernen, ihre Selbstdefinitionen und deren Funktionen zu deuten und mit ihnen gemeinsame Handlungsmöglichkeiten auszuhandeln." (Bentheim u.a. 2004, S. 131)
Es ist ein wichtiger Hinweis, dass es in diesem Kontext durchaus von Bedeutung sein kann, die eigene Fremdheitserfahrung zu reflektieren und darin die Tendenz, Fremdheit dem Gegenüber zu unterstellen, aufzuspüren. Die Frage, "Was beängstigt mich als pädagogische Fachkraft", kann hier ebenso von Bedeutung sein wie die Frage danach, wie diese Fremdheit interpretiert und bewertet wird; wie die Handlungsweisen des Klientels gesehen werden oder welche Haltung aus der Annahme von vermeintlicher Fremdheit entwickelt wird. Es lohnt sich immer - gerade in der so komplexen Auseinandersetzung mit Sexualität - hellhörig zu bleiben in Bezug auf die Tendenz, durch Verallgemeinerungen ein komplexes Problem auf vermeintlich höchst fremde Personengruppen zu verlagern.
Doing gender - Interaktion zwischen Jungen und Mädchen

Die neuere Geschlechterforschung hat deutlich nachgezeichnet, dass Mädchen und Jungen sich in einem Prozess der Interaktion - in einem aktiven Aneignungsprozess (dem sog. doing gender) - geschlechtsbezogene Verhaltensweisen aneignen. Sie kommen nicht an dem Problem vorbei, sich in einer Gruppe als Mädchen bzw. als Junge erkennbar zu machen.

Nicht das individuelle Verhalten bestimmt insofern darüber, ob man sich "weiblich" oder "männlich" gibt, sondern die Interaktionen und der soziale Kontext sind entscheidend.(...) Eine zentrale Bedeutung hat dabei die Tatsache, dass Doing gender nicht nur über das Wissen, über Sprache und über den Kopf läuft, sondern ganz wesentlich über den Körper und damit über Darstellungen und Inszenierungen. (Faulstich-Wieland, 2004, S. 179-180)
Das Denken in zwei Geschlechtern hat in jedem Menschen Vorstellungen und Erwartungen zur Folge, wie das eigene oder das andere Geschlecht zu sein oder sich zu verhalten hat. Diese Vorstellungen sind ein gestaltendes und prägendes Element in der Interaktion und Kommunikation - Sexualität, Begehren und Konstruktionen zur Normalität menschlichen Verhaltens sind direkt korreliert mit diesen geschlechtsgebundenen Vorstellungen. (Faulstich-Wieland, 2000, S. 8ff)
Frage: Und was ist dann das Besondere an der Aufklärung von Jugendlichen?

Antwort: Gerade in der Adoleszenz kommt der aufkeimenden Sexualität eine provokative Rolle zu. Körperbezogene Fragen stehen in diesem Lebensalter also nicht nur im Zeichen von Verhütung und Liebe, sondern auch im Zeichen von Ablösung und Unterscheidung von den primären Bezugspersonen, den Eltern. (vgl. Flaake u.a. 2005) Jugendliche Sexualität bezieht sich auf viele Fragen in der Interaktion mit anderen. Sie stellt eine große Herausforderung zur Integration von geschlechtsbezogenen Themen dar, die geklärt werden wollen. Die deutlichen körperlichen Veränderungen provozieren neue Fragen, Gefühle und fordern Jugendliche heraus, sich mit sich und ihrer Umwelt auseinander zu setzen. Fragen zur Sexualität beginnen jedoch nicht in diesem Lebensalter, sie erhalten lediglich eine andere Färbung. (zur psycho-sexuellen Entwicklung vom Kind zum Jugendlichen, vgl. Flaake 1999, Flaake/King 2005)

Für die Adoleszenz allgemein ist - zusammengefasst - festzuhalten, dass das in der Kindheit gewonnene Körperkonzept und das ebenfalls bereits gewonnene Geschlechtskonzept verändert bzw. neu erarbeitet werden.

Mit den körperlichen Veränderungen gehen neue Selbst- und Fremdwahrnehmungen als sexuelle Wesen einher; erste sexuelle Erfahrungen werden gewonnen. Der in der Kindheit begonnene komplexe Prozess der Vermittlung und Aneignung von Vorstellungen über weibliche und männliche Sexualität findet nun mit der Ausprägung eines eigenständigen Umgangs mit sexuellen Wünschen, Bedürfnissen und Erfahrungen, mit der neuen Wahrnehmung des Körpers, möglicherweise mit ersten Vergewisserungen über die hetero- oder homosexuelle Orientierung, mit der Entwicklung von Liebesfähigkeit und moralischem Empfinden einen vorläufigen Abschluss. (Mogge-Grotjahn, 2004, 94ff)
Frage: Sind denn Mädchen heute in ihrem eigenen Verständnis von Sexualität und Begehren immer noch zurückhaltender?

Antwort: Mädchen sind in vielfältiger Weise mit Einschüchterungen und Verletzungen konfrontiert - Jungen auch. Für Mädchen werden Verbote und Eingrenzungen ausgesprochen, die ihre Omnipotenzphantasien, mit denen sie zurecht kommen müssen, durch Muster der potentiellen Selbstzurücknahme als weiblich deklarieren. Ihre Machtvorstellungen beziehen sich eher auf die Beziehungsebene - ihre Erlaubnisse in Bezug auf die Sexualität mit sich selbst unterliegt in diesem Sinne Begrenzungen.

Die Mädchenarbeit hat verschiedene Forschungen vorgelegt, welche Strategien Mädchen finden, um mit diesen Begrenzungen und Abwertungen zurecht zu kommen. Diese Bewältigungsstrategien durchziehen die Lebenswelt von Mädchen (Böhnisch/Funk, 2005, S. 126ff). Im Gegensatz zu früher interessiert in der Mädchenarbeit also nicht mehr so sehr, wie sich Mädchen in den von Ungleichheitsverhältnissen geprägten Umwelten verhalten, als vielmehr, wie ihre aktiven Bewältigungsversuche aussehen, welche Beschränkungen in diesen Thematiken liegen und wie sie eigene Wege finden. (Bitzan/ Daigler, 2001, Funk 2005, S 213)

Manche Mädchen können nämlich auch durch ihr Verhalten Probleme für Jungen evozieren. Nicht nur weil sie sehr widersprüchliche Botschaften aussenden, sondern auch, weil sie in ihrem Männerbild durchaus unsicher sind und sich auch an vermeintlich natürlichen Begründungen für "richtige Männlichkeit" orientieren. Wenn sie z.B. zeigen, dass sie auf Jungen reagieren, die sich sehr typisch männlich verhalten, verstärken sie traditionelle Erwartungen auch bei Jungen, die sich von diesem Verhalten möglicherweise distanzieren wollten. Verharren sie in "mädchentypischer" Passivität und delegieren das aktive, draufgängerische Verhalten an Jungen - haben aber zugleich auch Furcht davor oder finden, dass sie weder Weicheier noch mackerhaftes Verhalten wollen - übertragen sie ihre Ambivalenzen auf Jungen. Dies hinterlässt verständlicherweise den einen oder anderen Jungen in so manch einer verständlichen Verwirrung.

Manche Jungen greifen - durch diese und ähnliche Verunsicherungen - auf dominantes Verhalten zurück, nicht nur weil sie dieses für überzeugend und natürlich männlich halten - sondern auch weil sie meinen, dies sei bei Mädchen "angesagt".

Fazit: Jungen kämpfen also ebenso mit Widersprüchen wie Mädchen, auch in Bezug auf widersprüchliche Bewertungen von Männlichkeit (Weicheivorwürfe, die Angst vor dem Entdecktwerden als Schwuler, die eigene (homo-hetero-)erotische Empfindungswelt, Aktivitäts-Passivitätsverhalten, Erwartungen an eine Verständigung mit Mädchen, verwirrende Anforderungen durch ein uneindeutiges Verbalisierungsvermögen und Ungeübtheiten im dialogischen Aushandeln unterschiedlicher Bedürfnisse und Gelüste etc.). Zur Funktion von Pornografie im Leben von männlichen Jugendlichen vgl. auch Engelfried, 2005

Ein typisches Beispiel:

Immer wieder betonen Mädchen, sie würden ältere Jungen als Sexualpartner wählen, weil diese "reifer" seien als gleichaltrige Jungen. Populärwissenschaftliche Aussagen unterstützen diese Sicht von den unterschiedlichen Entwicklungsstadien. Fakt ist allerdings, dass sowohl Mädchen als auch Jungen etwa zur gleichen Zeit geschlechtsreif sind. Dennoch wird die obige weit verbreitete Sicht als vermeintlich biologisch natürliche dargestellt.

Dies führt aber bei Mädchen und Jungen zu folgenden Dilemmata: Mädchen werden mit einer männlichen Vorstellung von Sexualität konfrontiert, die nicht altersadäquat ist und sie latent überfordert. Sie unterliegen der Gefahr, in der Zurückweisung - im "Nein" - stecken zu bleiben. Jungen und Männer wiederum werden dazu genötigt, gedankenleserische Kompetenzen zu entwickeln. Dies wiederum kann in ihnen Gefühle der Überforderung erzeugen. Wird unterstellt, dass Jungen und Männer sowieso immer nur das "Eine" wollen, sind sie auf die Aktivität festgelegt. Für Jungen aber fehlt - durch die Orientierung der Mädchen auf die älteren, die gleichaltrige "Gespielin". D.h. sie hängen quasi in der Luft zwischen den gleichaltrigen Mädchen, die sich nicht für sie interessieren und den noch jüngeren Mädchen, die noch kein Interesse am Thema Sexualität zeigen. Dies führt dazu, dass Jungen in Bezug auf sexuelle "Aushandlungsverhältnisse" (Dannenberg/Stich 2002) latent unterfordert sind.

Sich gemeinsam und altersadäquat einen Weg durch "den Dschungel der Gefühle" zu suchen, spielerisch und experimentell den "Ernstfall" zu erproben, unterschiedliche Bedürfnisse zu erkunden und auszuhandeln, würde bedeuten, gemeinsam Verantwortung zu übernehmen. Die Verteilung zwischen Aktivitäten und Passivitäten im Begehren und Begehrt-Werden, die in der normierten Deutung von Zweigeschlechtlichkeit vermittelt wird, verstellt beiden diese Erfahrung, so dass Aushandlungsverhältnisse nicht wirklich ermöglicht werden.

Im Folgenden greifen wir einige Aspekte in Bezug auf die Fortschritte im Bemühen um veränderte Geschlechterverhältnisse und ihre Auswirkungen auf Jugendliche heraus. Fragen von Kindern bzw. Studierenden werden erneut aufgegriffen, um exemplarisch einige Blickwinkel zu illustrieren.

Frage: Gibt es eigentlich heute noch Unterschiede im Erleben von Mädchen und Jungen - oder ist alles nicht zunehmend ähnlicher (angeglichener) geworden?

Antwort: Mädchen gehen heute mit der sich verändernden Zuschreibung von Weiblichkeit anders um als ihre Mütter oder Großmütter Gleich geblieben ist in gewisser Weise jedoch die Quelle der möglichen Diffamierungen im Jugendalter - denn noch immer ist die weibliche Adoleszenz deutlich begleitet von Reaktionen auf die körperliche Entwicklung der jungen Frauen - vor allem auf die Entwicklung ihrer Brüste. Auch wenn sich Mädchen dieser Diffamierung inzwischen offensiver stellen ist die aktive weibliche Sexualität selbst noch immer von Begrenzung und Diffamierung (besonders in Sexfilmen und Pornos) geprägt.

Exkurs körperliche Entwicklung

Mädchen erleben, dass ihre Körperveränderungen, vor allem die Brustentwicklung, von der Umwelt bemerkt und bewertet werden, sie erfahren häufig, "eine befremdliche, von eigenen inneren Impulsen unabhängige Sexualisierung ihres Körpers" (Hagemann-White, 1993, S. 71). Die erste Menstruation wird als ein wichtiges Ereignis erlebt und ist häufig mit sehr ambivalenten Gefühlen besetzt (Kolip, 1997, 110ff). Jungen erleben Samenerguss, Bartwuchs und Stimmbruch ebenfalls als gravierende Veränderungen. Vor allem in ihren peer
groups erfahren und erzeugen sie häufig einen erheblichen wechselseitigen Druck, sich als männlich-hart darzustellen, keine Schwächen zuzulassen und riskante Verhaltensweisen einzuüben. Aber auch in peer groups und Freundschaften, die sich weniger deutlich an solch überkommenen Männlichkeits-Entwürfen orientieren, erfahren Jungen weniger emotionale Unterstützung als Mädchen in vergleichbaren Gruppen und Beziehungen. (Dannenbeck/Stich, 2002) Weibliche und männliche Jugendliche sind angesichts ihrer dramatischen physischen Veränderungen intensiv mit ihrem Körper beschäftigt und oft, vor allem im Vergleich mit den durch die Medien ständig vermittelten Idealbildern des weiblichen und männlichen Körpers, mit ihm unzufrieden. (Mogge-Grotjahn, 2004, 95)

Allgemein gilt im Folgenden, dass wir nicht für die Jungen oder für die Mädchen Festlegungen treffen können.
Ein verallgemeinerndes Sprechen von "den" Mädchen ist damit letztlich nicht zulässig, denn Mädchen zeigen sich in einem breiten Spektrum von unterschiedlichen Selbstdefinitionen, Ressourcen, Handlungsmöglichkeiten, die sich auch auf dem Hintergrund von Ethnie, Schicht und Religion etc. ausprägen. (Daigler/Bitzan 2001 S.20)
Grundsätzlich kann man von einem Geschlechterverhältnis ausgehen, das vielfältigen Wandlungen unterworfen ist. Dieser komplexe Zusammenhang der veränderten und unabhängig vom Geschlecht fortgeschriebenen Normen sind für den Beratungsalltag von Bedeutung. Begründet dieses doch, dass wir nicht nur von Fortschritten und neuen Freiheiten sprechen können, sondern auch die neuen Zuschreibungen, individuellen Verunsicherungen und damit eine veränderte Betroffenheit bei Jungen und Mädchen zu beachten haben.

Ein Teil der Verunsicherung wirkt sich z.B. auf den Umgang mit Verhütung und Sexualität aus. Inwieweit man dem folgen kann, was Heide Funk und Karl Lenz vortragen, unter Bezugnahme auf Gunther Schmidt (2004), dass ein derart massiver Wandel der gesellschaftlichen Vorschriften sich vollzogen habe, dass man eigentlich davon sprechen könne, dass viele "Störungen" und Verhaltensweisen, die sonst als "abweichende" galten, gar nicht mehr als solche diffamiert werden, mag dahingestellt sein. Entscheidend für die praktische Arbeit mit Jugendlichen bleibt es jedoch, dass insgesamt nicht von einer allgemeinen Veränderungen gesprochen werden kann, in der sich nun alle Jugendlichen neuer Freiräume erfreuen - als vielmehr das durch diese Veränderungen auch neue Verunsicherungen entstanden sind.

In der Fachliteratur wird von der "Entgrenzung der Sexualität" gesprochen, die u.a. durch ihre biografische Vorverlagerung geprägt werde, denn die Liberalisierung der Jugendsexualität führe dazu, dass sich in allen westlichen Gesellschaften der Eintritt in die Gestaltung einer aktiven Sexualität erheblich vorverlagert habe. (vgl. dazu ausführlicher verschiedene Beiträge in Funk/Lenz 2005).

Allgemein ist deshalb wohl mit Sicherheit davon auszugehen, dass die Fragen der Kinder und Jugendliche sich früh auch auf die aktive Gestaltung von Sexualität richten. Doch bedeutet dieses nicht unbedingt, dass alle Jugendlichen ihr Wissen anwenden wollen. Vielmehr scheint es, als wenn sich auch der Umgang mit den Freiheiten weit aufgefächert hat und die Entgrenzung von Normen auch neue Zögerlichkeiten provoziert hat - auch eine Reaktion auf vermehrte Verunsicherungen.

Für die Fragen, die Kinder und Jugendliche stellen, gilt nach wie vor, dass es sie alle sehr beschäftigt, welche Normierungen es in Bezug auf Normalität und Abweichung gibt. Kinder fürchten, sich darin nicht ausreichend informiert zu fühlen und deshalb ist der Dialog mit Erwachsenen ihres Vertrauens für sie von großer Bedeutung.

Frage seines Grundschülers: Wie kann ich einem sagen, dass ich in ihn verliebt bin, ohne dass es die anderen merken?

Antwort: Die Auseinandersetzung mit Zwangsheterosexualität ist für beide Geschlechter bedeutsam. Sie gehört zur Deutung von Normalität. In dieser Frage wird deutlich, wie schwerwiegend die Irritation in Bezug auf homoerotische Neigungen von Jungen im Grundschulalter empfunden wird. Die Verunsicherung auf homoerotische Neigungen ist für Jungen signifikant und beginnt sehr früh.

Wenn das Begehren so eindeutig auf Mädchen zu richten ist, was bedeutet dies dann, so fragen sich viele kleine Jungen entsprechend, wenn ich einen Jungen gerne hab - ist das dann komisch? Die Befürchtung, als schwul (also abweichend und nicht richtig) angesehen zu werden, ist für viele Jungen ein großes Problem. Im Sprachgebrauch der Kinder verkommt der Vorwurf ("man, das ist doch voll schwul...!") zu einem oft gesprochenen Satz. Er transportiert die Abgrenzung unter männlichen Kindern. Sie kennzeichnen untereinander damit Zeichen nicht richtigen (männlichen) Verhaltens: Alles was nicht als angemessen männlich angesehen wird, wird von Kindern männlichen Geschlechts als "schwul" tituliert (wobei sie also in den seltensten Fällen meinen, jemand zeige eine erstaunliche sexuelle Orientierung).

Schwul sein wird in der heterosexuellen Matrix geahndet, es wird auch unter Jungen meist recht deutlich abgewehrt, wenn nicht sanktioniert. Da aber nicht nur Jungen untereinander, sondern auch Jungen und Mädchen ständig interagieren und die Gesetze der Zweigeschlechtlichkeit einüben, wird die Abwertung von vermeintlich schwulem männlichen Verhalten ("ach, das ist doch eine Schwuchtel") bald durch das Flirtverhalten der Mädchen bestätigt. Jungen und Mädchen installieren untereinander ständig Normen und vermitteln diese aktiv. Sie sind darin beteiligt an dem, was sie dann selbst als Ausgrenzung von abweichendem Verhalten ausmachen können. Da die Geschlechterordnung nicht nur von der Abwertung von Weiblichkeit lebt, sondern auch durchzogen ist von Ausgrenzungen und Diffamierungen von Männern untereinander, ist diese Verschränkung so bedeutsam.

Die kritische Männerforschung hat beschrieben, wie sich diese Hackordnung unter Männern entwickelt. Dadurch, dass einige Männer als die Tonangebenden agieren, weil sie die Normen der sog. hegemonialen Männlichkeit vertreten, werden andere Männlichkeitsentwürfe, die eben nicht zu den machtvollen Männlichkeiten gezählt werden, mit Abwertungen bedacht. (vgl. ausführlicher in Bentheim u.a. 2005, S. 107ff) Männer, die von dieser Ordnung abweichen, werden diffamiert. Zugleich aber partizipieren viele Männer noch immer mehr von der Geschlechterordnung als Frauen. D.h. viele Männer erleben sich dennoch als den Frauen überlegen - obwohl sie es faktisch gar nicht unbedingt sind.

Dieses Gefühl der Überlegenheit paart sich in der Realität mit ungleichen Strukturen, die in der Geschlechterforschung als patriarchale "Dividende" beschrieben wird (vgl. dazu auch Böhnisch, 2003). Der empathische Blick auf die Lebensrealitäten von Jungen und deren eigen(artig)e Probleme, die von Männern aus der Jungen- und Männerarbeit gesucht werden, ermöglicht es zunehmend, neben der faktischen "Dividende" auch den Preis zu beschreiben, den Jungen und Männer für ihre vermeintlich privilegierte Geschlechtszugehörigkeit zahlen. Die kritische Jungen- und Männerarbeit qualifiziert diese Perspektive und sucht nicht nach einem Erhalt des (macht-strategischen) Vorteils von Männlichkeit. Sie kritisiert vielmehr die herrschenden Normen von Männlichkeit und sucht Männern die konkreten Schattenseiten des Lebens von Jungen und Männern aufzuzeigen und diesen zugänglich zu machen. Sie weist aber auch auf Diskriminierungen von Jungen und Männern hin: Je mehr Mädchen und Frauen im Sinne von mehr Geschlechtergerechtigkeit in männliche Domänen vordringen bzw. ihnen ein Zugang ermöglicht werden soll, desto mehr müssen Jungen und Männer gleiche Rechte in weiblichen Feldern bekommen (z.B. gemeinsames Sorge- und gleiches Umgangsrecht, Vatermonate im Elterngeld, Quotierungen im Erziehungswesen).

Zunehmend entwickeln sich auch in diesem Zusammenhang neue Fragen zur Haltung in einer gegengeschlechtlichen Beziehung, z.B. von Frauen zu Jungen und männlichen Jugendlichen bzw. von Männern zu Mädchen bzw. weiblichen Jugendlichen. Eine geschlechtersensible Sichtweise bedeutet Kritik an defizitpädagogischen Haltungen zu entwickeln. Die kritische Jungenarbeit sucht eine pädagogische Haltung jenseits von (Selbst-) Anklagen von Männern. Sie sucht auch kein Änderungsprogramm, das "moralinsauer" riecht; dies hilft nämlich wenig, weil es eher Abwehrstrukturen schürt und Angst macht. Die Erfahrung zeigt: Will man die Herzen der Jungen und Männer erreichen, dann geht das nur, wenn ihre Neugierde geweckt wird und ihnen neue Möglichkeiten des Jungeseins begründet und erlaubt werden - die sie in ihrer Alltagswelt vertreten können. Dazu können durchaus auch humorvolle Provokationen gehören - wenn sie dann von Sympathie begleitet sind und Veränderungen befördern. Nicht hilfreich sind moralische Appelle - vor allem nicht von Frauen (anhaltende Klagen haben noch immer die Ohren verstopft). Trotzdem bleibt: Jungen
hören heutzutage immer mehr, wie sie nicht sein sollen, sehen aber keine positiv akzeptierten Männlichkeiten, also Männer, die im positiven Männlichkeitsverständnis anders sind und gleichzeitig geachtet, respektiert und anerkannt werden.

Warum thematisieren Mädchen selten, dass sie in eine Freundin verliebt sind?

Antwort: Interessanterweise fragen Mädchen seltener und mit weniger offenkundiger Angst, wann sie eigentlich lesbisch sein könnten. Woher kommt das? Die Sanktionierung von Abweichungen in der weiblichen Zuschreibung ist weniger krass über Homosexualität als viel mehr über Anmaßungen von Macht begründet. Die weibliche Homosexualität wird heute weniger sanktioniert als früher und weniger öffentlich. Mädchen unterliegen durchaus auch kulturellen Abwertungen - und sie kommunizieren diese durchaus vielfältig (=weibliche Hegemonie). Ihre Aneignung von vermeintlich normalem weiblichen Verhalten ist weniger von Zwangsheterosexualität geprägt, auch wenn lesbisches Verhalten als Abweichung vielfach bezeichnet wird. Zentraler geahndet wird mangelnde Unterwürfigkeit und offen gezeigtes Begehren - Passivität versus Aktivität ist also durchaus nach wie vor ein Thema in der weiblichen Biografie. (zu den modernen Spielarten dieses Themas vgl. auch Funk/Lenz, 2005) Mädchen orientieren sich im Geschlechterverhältnis an den Normen der Selbstzurücknahme.

Gerade in Bezug auf Sexualität ist für sie die Tabuisierung der eigenen Begehrlichkeit und das Entdeckens der eigenen Sexualität vermeintlich normal. Abweichungen werden heute zwar zum Teil von Ermutigungen begleitet, innerhalb der peer group aber wird oftmals sexuelle Anpassung gefordert - aktives Begehren gilt nach wie vor eher als unnormal.

Auch wenn diese Normierungen Veränderungen unterliegen, so haben sich die Problematiken doch zugleich auch vervielfältigt. Viele Mädchen erfahren zwar heute mehr Unterstützung in ihrem Lebensweg von Eltern und Lehrerinnen, doch ist das Phänomen der Selbstzurücknahme noch immer paradigmatisch.

Auch hier zeigt sich der Effekt der Desexualisierung des Geschlechterverhältnisses. Die weibliche Biografie ist durchzogen von Verhaltensweisen, mit denen Mädchen versuchen, sich in ihrer peer group als normal zu behaupten. D.h. auch sie sind mit Normsetzungen eines vermeintlich normalen Lebens beschäftigt.

Frage eines Grundschülers: Wie kann ich einem Mädchen zeigen, dass ich es mag?

Antwort: Flirtverhalten von Jungen und Mädchen gehört in den Themenzusammenhang des Einübens angemessenen Verhaltens. D.h. richtig oder falsch ist ein wichtiges Thema für Kinder. Das Einüben vermeintlich richtiger weiblicher oder männlicher Verhaltensweisen beginnt bereits im Kindergartenalter: Jungen und Mädchen orientieren sich dabei an der sog.
heterosexuellen Matrix und üben "richtiges" Verhalten. Sie eignen sich Regeln an, die man als "Grammatik der Zweigeschlechtlichkeit" (vgl. Voigt-Keh-lenbeck, 2005) bezeichnen kann; D.h. sie lernen, was innerhalb der peer group als statthaft gilt - als richtig für Mädchen und als richtig für Jungen. Da auch viele Erwachsene meinen, dass es normal sei, wenn sich Jungen in besonderer Weise von Mädchen unterscheiden, erscheint es nur wenigen pädagogischen Erwachsenen wichtig, diese Zuschreibungen zu variieren und die starren Grenzziehungen zwischen den Geschlechtern zu kommentieren.

Viele Erwachsene finden es auch irgendwie komisch, wenn sich Jungen umarmen oder wenn Mädchen aktiv ihr Begehren zeigen und sich nicht "erobern" lassen wollen. Hingegen wird das Spiel im Kindergarten, wenn Mädchen z.B. Heiraten spielen als "niedlich" unterstützt und Jungen werden zum Toben und Wetteifern angeregt.

Auf diese Weise lernen kleine Mädchen, dass von ihnen erwartet wird mit Jungen zu flirten und sich von diesen "begehren zu lassen". Kleine Jungen lernen zugleich, dass sie sich von allem Weiblichen fernhalten müssen - und Mädchen blöd finden sollten. Sie lernen aber vor allem, sich auf keinen Fall als schwul zu gebärden. Damit lernen Kinder, sich auf ein Leben in heterosexuellen Partnerschaften vorzubereiten.

Deshalb ist es so wichtig, auf ihre Fragen reflektierte Antworten zu geben, denn auch pädagogische Fachkräfte vermitteln die Botschaft, dass Heterosexualität die Norm - und Homosexualität eine Abweichung darstellt. Besonders interessant hierzu sind die Ausführungen von Uwe Sielert über Fragen Abweichungen, Normierungen und die Normalität von Bisexualität. (Sielert, 2005, S. 85ff)

Zu einigen ausgewählten Fragen von Mädchen bezogen auf das Thema Begehren:

  • Sind Männer wirklich notgeil?
  • Warum wollen Jungs (fast) immer sofort ins Bett?
  • Wie kann man den Partner verwöhnen, ohne mit ihm Sex zu haben?
  • Was sollte eine Frau tun, wenn der Mann eine sexuelle Forderung stellt, die eine Frau ablehnt aber doch mitmacht, weil sie ihn glücklich machen will?

Antwort: Diese Fragen zeigen, dass sich Mädchen mit der Vermittlung der heterosexuellen Normen auseinandersetzen. Eines der Mythen vermeintlich natürlicher Männlichkeit heißt: Männer stehen ständig unter dem Druck des Begehrens. (vgl. dazu auch Holger Brandes in Funk/Lenz, 2005 zum Thema: "Männer denken immer an das eine". Zum- Mythos und Realität männlicher Sexualität)

Wenn Mädchen solche oder ähnliche Fragen formulieren, sollte man folgendes wissen: Sie wollen möglicherweise wirklich, dass man faktisch antwortet. Zugleich aber ist der Hintergrund dieser Frage wichtig. Denn es kann auch sein, dass sie damit eine Verunsicherung beschreiben, denn viele Mädchen und Frauen spüren, dass auch sie aktiv begehren. Und dies gilt in der Matrix der Heterosexualität als abweichendes Verhalten. Sie stehen also in der Gefahr, dass sie - wenn sie ihr aktives Begehren äußern - abweichen von dem abwartenden Verhalten des begehrten Subjektes, so dass sie dann als Hure oder Schlampe diffamiert werden. Vorsicht also vor zu eilfertigem wissenden Lachen - dies kann eine sehr ernst zu nehmende Frage von Mädchen sein, die sich gar nicht auf das drängende Verhalten von Jungen richtet - sondern auch Fragen transportiert in Bezug auf das eigene aktive sexuelle Begehren.

Fragen von Mädchen:

  • Woran merkt man, was "wahre" Liebe ist?
  • Woran kann man erkennen, dass er der "Richtige" ist?
  • Wie äußert sich verliebt sein?

Antwort: Die sog. Liebesideologie ist ebenfalls ein Teil des gesamten Phänomens der Konstruktion von Zweigeschlechtlichkeit. Diese Ideologie wirkt sich auf das Leben von Mädchen und Jungen nachhaltig aus. Allgemein lässt sich feststellen, dass Ehe und Familie in unserer Gesellschaft keineswegs neutrale Begriffe sind. Sie unterliegen bestimmten Wertvorstellungen und Ideologien. Unsere Gesellschaftsordnung und die in ihr herrschende Geschlechterideologie sieht in der Familie einen Grundpfeiler. Die heterosexuelle Beziehung und die Liebesheirat werden darin noch immer als Bestandteil von Normalität vermittelt.

Die Vorstellung der Ehe als Bund zweier Liebender steht im Gegensatz zur Zwangsheirat. Diese kommt in vielen traditionellen Gesellschaften und auch in unterschiedlichen Religionsgemeinschaften vor. Der Islam geht von der Freiwilligkeit in der Eheschließung aus.

Wie in vielen Fällen von Diskriminierung und Menschenrechtsverletzungen an Frauen wird aber in manchen Gesellschaften die Frau noch immer zum Eigentum des Mannes degradiert. Sie wird ohne Anerkennung eines eigenen Willens, ja manchmal sogar ohne eigene Rechtspersönlichkeit definiert. In anderen Fällen erhalten die Familien durch Zwangsheirat ein hohes Brautgeld für die Mädchen. Nicht selten sind für die Zwangsheirat wirtschaftliche Gründe ausschlaggebend. Ein anderer Grund für die Zwangsheirat kann die Verheiratung von nahen Familienangehörigen wie Cousins und Cousinen sein, um durch die Stärkung der Familienbande oder des Clans Einfluss auf die Ehepartner nehmen zu können oder bei Problemen Einflussmöglichkeiten zu erhalten.(Obwohl der Islam sie nicht fördert, sind Ehen zwischen Cousins und Cousinen in traditionsbewussten Familien eine bevorzugte Verbindung. Auch wenn eine Heirat zwischen Cousin und Cousine nach wie vor als ideale Form der Ehe gilt, ist sie in der Praxis nicht besonders häufig. Nach Schätzung haben sie je nach Land einen Anteil von 2-15% an allen geschlossenen Ehen (Frauen im Islam, Heyne Verlag, S. 41)

Frage: Haben sich die Verhältnisse nicht angeglichen? Sind Männer nicht inzwischen genauso auf Familie ausgerichtet wie Frauen?

Antwort: Prinzipiell muss noch immer von einer Trennung in eine häusliche und eine erwerbsorientierte Sphäre gesprochen werden. D.h. das Prinzip der geschlechtsgebundenen Werte überzieht die Lebensstrukturen nachhaltig. Die Sozialisation von Männern und Frauen prägt die Vorstellung über ein "Innen" und ein "Außen". Das "Innen" ist meist der Weiblichkeit zugeordnet und wird deshalb von Frauen stärker ausgebildet. Das "Außen", das dem Bild des Männlichen anhaftet, prägt in der Regel stärker die männliche Biografie.

Beide Bilder - das Innen und das Außen - sind in die Struktur und die Ordnung des Alltages eingegangen, werden von den Menschen übernommen, wirken durch alle Lebensphasen hindurch und beeinflussen Erziehungs- und Arbeitsverhältnisse. Jungen und Männer gelten danach als externalisiert, ihnen wird nahe gelegt, dass sie Probleme vor allen Dingen im Außen abhandeln. Dies kann dazu führen, dass ihr Zugang zu den eigenen Gefühlen blockiert ist, dass sie nicht oder nur schwer über sich sprechen können, ihre Probleme manchmal aggressiv oder gar gewalttätig nach außen abspalten müssen. (Lothar Böhnisch, 2003, S. 181)
Für das Verständnis unserer aktuellen Lebensverhältnisse ist es hilfreich, wenn man sich vergegenwärtigt, dass wir von einem Fortbestand dieser grundsätzlichen Orientierung ausgehen. D.h. es gilt die Entwicklung von neuen Widersprüchen in den Lebenswelten von Männern und Frauen zu erkennen. Obwohl viele Umfragen den Eindruck erwecken, dass sich die Unterschiede der Geschlechter nivelliert oder angeglichen hätten, sind zunehmend die Veränderungen in ihren Verschränkungen mit dem vermeintlich natürlichen Unterschied bestimmend. Der Widerspruch dieses komplexen Verhältnisses zwischen Veränderung und Beharrungen wird u.U. jedoch nur verständlich, wenn man sich mit den Veränderungen im Geschlechterverhältnis unter dem Eindruck moderner Gesellschaftsstrukturen auseinandersetzt.

Der moderne junge Mann des beginnenden 21. Jahrhunderts, so möchte man meinen, lebt doch nicht mehr nach dem traditionellen geschlechtshierarchischen Außenmodell. Er zeigt Gefühle, respektiert Frauen als Kolleginnen in Beruf und Öffentlichkeit, äußert selbst den Wunsch, dass er familienorientierter leben möchte etc. Ja viel mehr noch: In unserer heutigen Gesellschaft gelten hierarchische Geschlechterrollen als antiquiert, allerdings nicht nur aus ethischen oder moralischen Gründen, sondern weil eine flexibilisierte und mobile postindustrielle Gesellschaft solche Trennungen und Brüche nicht mehr gebrauchen kann.

Das Widersprüchliche in unserer Zeit liegt nun darin, dass dieselbe Gesellschaft, die diese Geschlechterrollen zu nivellieren scheint, in ihrer ökonomisch- technologischen Entwicklung alte Rollentrennungen und Aufspaltungen in geschlechtstypische Belastungen wieder neu freisetzt. Die zu bewältigende Komplexität, mit der junge Männer und junge Frauen heute konfrontiert sind, liegt also darin, dass ein doppeltes Spiel gespielt wird: Auf der einen Seite scheinen die Entgrenzungsprozesse die alte geschlechtswirksame Trennung von Produktion und Reproduktion aufzulösen, in dem sich auch die familiale Welt der Frauen ganz geöffnet hat und ihnen die gleichen Berufschancen zugesprochen werden.

Auf der anderen Seite müssen Männer und Frauen zusehen, wie sie mit der alltäglichen Reproduktion ihrer Lebensfähigkeit privat zurechtkommen. Dies führt dazu - wenn auch nicht mehr in traditioneller Selbstverständlichkeit, sondern mit der Anforderung des privaten Aushandelns dass Frauen stärker auf die Familie rückverwiesen sind und manche Männer wieder rückgebunden sind in eine intensivierte Arbeit. Diese Doppeldeutigkeit schafft für beide Geschlechter neue Konfliktkonfigurationen.

Viele Männer würden gerne stärker an der Familie teilhaben, werden gleichzeitig durch die Arbeit weiter aufgesogen, müssen sich zum Teil sogar an die Arbeitswelt strikter binden als zuvor. In kritischen Lebenssituationen kann im Privaten das nun öffentlich verdeckte Geschlechterproblem neu aufbrechen, denn es halten die interpersonal ausgehandelten Rollenvereinbarungen nicht mehr. Lothar Böhnisch fasst dieses Dilemma wie folgt zusammen:

Oft fallen Männer auf Befindlichkeiten des Mannseins zurück, die sie für sich überwunden glauben und denen sie z.T. nun hilflos gegenüberstehen. Erlebt werden z.B. Rückfälle in maskuline Verhaltensweisen, die von dem einzelnen mit Erschrecken erlebt werden können. Und eben darin zeigt sich das Verdeckungsverhältnis, das den Geschlechterkonstruktionen innewohnt: denn es kommt zu Rückfällen in z.T. aggressive männliche Dominanzhaltungen, die subjektiv als nicht in die interaktiv geformte Vorstellung von sich und dem eigenen Mannsein hineinzupassen scheinen. Manche junge Männer fühlen sich schier von diesen "übermannt" oder verfallen - wenn nicht in Aggressivität dann in Hilflosigkeit und depressive Rückzüge. So sind es in Gewaltverhältnissen in den Familien z.B. nicht so sehr die traditionellen Geschlechterrollen, wie zu früheren Zeiten, sondern eher periodische und überraschende Rückgriffe auf männliche Dominanz- und weibliche Rückzugsmuster, die - oft zu Lasten der Kinder - eben ganz im Privaten ausgetragen werden. (vgl. dazu Böhnisch, 2003 S. 190ff)

Die fachliche Frage, die mit dieser Broschüre gestellt wird, zeigt, dass genauer zu erfassen ist, was der Terminus Genderwissen oder Genderkompetenz meint. Alte Vorstellungen erscheint dieses Problem nicht mehr erschöpfend zu beantworten. Vorstellungen von dem Aufbrechen bzw. der Aufschlüsselung von neuen Geschlechterrollen als Fortschritt alleine helfen nur bedingt weiter. Vielmehr gilt es, das Spannungsgefüge, in dem sich das Geschlechterverhältnis entfaltet, zu erfassen. Eine komplexe Aufgabe.

Die Vereinfachung aber, die sich auf eine Kritik an den Geschlechterrollen bezieht, erscheint eher kontraindiziert. Mit einer Kritik der Männer ist es nicht mehr getan. Vielmehr gilt es die Komplexität der Bewältigungsanforderungen, die sich in den Familien und auf den Schulhöfen und in den vielen außerschulischen Lebenswelten entfalten, zu verstehen und die Persönlichkeitsentwicklung der jeweiligen Klientinnen und Klienten konstruktiv zu begleiten und zu fördern.

Die Individualisierung hat die Geschlechterrollen nivelliert, die soziologisch aufgeklärten Individuen verlassen sich darauf und sind an sich selbst erschrocken, wenn die geschlechtstypischen Verstörungen des Frau- und Mannseins eben nicht verschwunden sind und nicht nur in kritischen Lebenssituationen, sondern auch deshalb immer wieder aufbrechen, weil sie ins Private verschoben und in alltäglichen Überforderungskonstellationen unversehens aktiviert sind. (Böhnisch, 2003 S. 192)
Viele Menschen wünschen sich eine glückliche Beziehung - eine moderne Partnerschaft zu gestalten, stellt Anforderungen an die Bereitstellung von Konfliktfähigkeit und Respekt. Vermehrt sind Aushandlungsfähigkeiten auf Augenhöhe gefordert, dafür soziale Kompetenzen zu entwickeln wird eine zentrale Aufgabe aller pädagogischen Instanzen sein. Diese beginnt in der Familie. Kinder und Jugendliche sind vermehrt darauf angewiesen, dass sie in der Lage sind - in beruflichen und privaten Lebensverhältnissen - mit Ambivalenzen und Widersprüchen sprachlich und emotional umgehen zu können.

Nicht allen Kindern stehen Ressourcen und Möglichkeiten zur Verfügung, diese Grunderfahrungen im sozialen Umgang mit Menschen zu erwerben. Es wird eines der Herausforderungen an die geschlechterreflexive Kinderund Jugendhilfe werden, ob es gelingt Möglichkeiten zu schaffen, um eben diese Kompetenzen für Aushandlungspartnerschaften zu erwerben. Aushandlungspartnerschaften nämlich meint, dass beide Partner in ein offenes Verhältnis treten und damit in die implizite Konflikthaftigkeit im Aushandeln einwilligen. Dazu muss es möglich sein, Widersprüche und Irritationen anzuerkennen. Männer und Frauen müssen lernen, gemeinsam und sorgsam mit den Spannungen umzugehen, die sich im Geschlechterverhältnis nach wie vor abzeichnen. Sie müssen gemeinsam lernen nach Lösungen zu suchen - auch nach Lösungen im Umgang mit den Irritationen, die sich aus diesen Veränderungen ergeben.

(Ende Kapitel IV)

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