| Wir möchten nicht den Eindruck erwecken, als müsse man für Jungen und Mädchen aus Migrationsfamilien eine gesonderte Reflexion oder gar eine Extra-Broschüre entwickeln. Wir haben uns dazu einer umfassend geführten Diskussion gestellt, in der zwar konstatiert wird, dass es "kulturangepasste Aufklärungsmaterialien" aus der interkulturellen Pädagogik braucht (Sielert, 2005 116ff), jedoch zugleich der Gefahr zu begegnen ist, Migrationsbetroffene als Personen zu bedenken, die gänzlich andere Problemkonstellationen als ihre Gleichaltrigen haben.
Manche Autoren betonen, dass viele Mädchen und Jungen aus Migrations- bzw. Aussiedlerfamilien ein stärker ausgeprägtes Schamgefühl hätten und dass ein beachtlicher Teil von ihnen in der Schule z.B. von der Sexualerziehung freigestellt wird, weil ihre Eltern nicht möchten, dass sie in diesem Fach unterrichtet werden. Manche Kinder aus Migrationsfamilien würden aber gerne mehr über ihren Körper wissen, doch haben sie Probleme, Fragen, die den eigenen Körper betreffen, zu stellen. Sie haben oft auch schlicht nur wenig Gelegenheit über solche Probleme zu sprechen. Viele fühlen sich auch durch die Darstellung von Sexualität in den Medien verunsichert.
Dennoch haben wir uns entschlossen, uns den Ausführungen von Bentheim und anderen (2005) anzuschließen, die dafür plädieren keinen "Sonderfall Migrationsjugendliche" zu konstruieren. Wir stimmen mit diesen Autoren aus der Männer- und Jungenarbeit überein, dass ein solches Vorgehen die Ausgrenzung verstärkt und damit der Sache selbst nicht gerecht wird. Trotz gegenteiliger Meinungen (vgl. Heiliger, 2005) halten wir die Haltung, die in der Mädchen- und Jugendarbeit erarbeitet wurde, auch in diesem Zusammenhang für tragfähig.
Die Prinzipien in der Mädchen- und Jungenarbeit wurden für alle Betroffenen entwickelt und beziehen sich entsprechend auf alle Mädchen und Jungen. Diese allgemeine Beschreibung muss aber so differenziert sein, dass sie sich jeweils auf die konkrete praktische Situation und die jeweiligen Beteiligten beziehen. So sind auch deutsche Jungen und Mädchen nicht alle gleich, auch sie unterscheiden sich biografisch, sozial-räumlich, schichtspezifisch, geschlechtskulturell und szenenspezifisch (z.B. im Zusammenhang von jugend(sub-) kulturellen Bezüge der Skater, Gothics, Skins, Hip-Hopper, Sprayer, Ökos usw.). Insofern sehen wir den interkulturellen Aspekt der Thematik als eine weitere Differenzierung des Gesamtthemenkomplexes.
|
|
|
|
| Grundsätzlich kann man von einem Geschlechterverhältnis ausgehen, das vielfältigen Wandlungen unterworfen ist. Dieser komplexe Zusammenhang der veränderten und unabhängig vom Geschlecht fortgeschriebenen Normen sind für den Beratungsalltag von Bedeutung. Begründet dieses doch, dass wir nicht nur von Fortschritten und neuen Freiheiten sprechen können, sondern auch die neuen Zuschreibungen, individuellen Verunsicherungen und damit eine veränderte Betroffenheit bei Jungen und Mädchen zu beachten haben.
Ein Teil der Verunsicherung wirkt sich z.B. auf den Umgang mit Verhütung und Sexualität aus. Inwieweit man dem folgen kann, was Heide Funk und Karl Lenz vortragen, unter Bezugnahme auf Gunther Schmidt (2004), dass ein derart massiver Wandel der gesellschaftlichen Vorschriften sich vollzogen habe, dass man eigentlich davon sprechen könne, dass viele "Störungen" und Verhaltensweisen, die sonst als "abweichende" galten, gar nicht mehr als solche diffamiert werden, mag dahingestellt sein. Entscheidend für die praktische Arbeit mit Jugendlichen bleibt es jedoch, dass insgesamt nicht von einer allgemeinen Veränderungen gesprochen werden kann, in der sich nun alle Jugendlichen neuer Freiräume erfreuen - als vielmehr das durch diese Veränderungen auch neue Verunsicherungen entstanden sind.
In der Fachliteratur wird von der "Entgrenzung der Sexualität" gesprochen, die u.a. durch ihre biografische Vorverlagerung geprägt werde, denn die Liberalisierung der Jugendsexualität führe dazu, dass sich in allen westlichen Gesellschaften der Eintritt in die Gestaltung einer aktiven Sexualität erheblich vorverlagert habe. (vgl. dazu ausführlicher verschiedene Beiträge in Funk/Lenz 2005).
Allgemein ist deshalb wohl mit Sicherheit davon auszugehen, dass die Fragen der Kinder und Jugendliche sich früh auch auf die aktive Gestaltung von Sexualität richten. Doch bedeutet dieses nicht unbedingt, dass alle Jugendlichen ihr Wissen anwenden wollen. Vielmehr scheint es, als wenn sich auch der Umgang mit den Freiheiten weit aufgefächert hat und die Entgrenzung von Normen auch neue Zögerlichkeiten provoziert hat - auch eine Reaktion auf vermehrte Verunsicherungen.
Für die Fragen, die Kinder und Jugendliche stellen, gilt nach wie vor, dass es sie alle sehr beschäftigt, welche Normierungen es in Bezug auf Normalität und Abweichung gibt. Kinder fürchten, sich darin nicht ausreichend informiert zu fühlen und deshalb ist der Dialog mit Erwachsenen ihres Vertrauens für sie von großer Bedeutung.
Frage seines Grundschülers: Wie kann ich einem sagen, dass ich in ihn verliebt bin, ohne dass es die anderen merken?
Antwort: Die Auseinandersetzung mit Zwangsheterosexualität ist für beide Geschlechter bedeutsam. Sie gehört zur Deutung von Normalität. In dieser Frage wird deutlich, wie schwerwiegend die Irritation in Bezug auf homoerotische Neigungen von Jungen im Grundschulalter empfunden wird. Die Verunsicherung auf homoerotische Neigungen ist für Jungen signifikant und beginnt sehr früh.
Wenn das Begehren so eindeutig auf Mädchen zu richten ist, was bedeutet dies dann, so fragen sich viele kleine Jungen entsprechend, wenn ich einen Jungen gerne hab - ist das dann komisch? Die Befürchtung, als schwul (also abweichend und nicht richtig) angesehen zu werden, ist für viele Jungen ein großes Problem. Im Sprachgebrauch der Kinder verkommt der Vorwurf ("man, das ist doch voll schwul...!") zu einem oft gesprochenen Satz. Er transportiert die Abgrenzung unter männlichen Kindern. Sie kennzeichnen untereinander damit Zeichen nicht richtigen (männlichen) Verhaltens: Alles was nicht als angemessen männlich angesehen wird, wird von Kindern männlichen Geschlechts als "schwul" tituliert (wobei sie also in den seltensten Fällen meinen, jemand zeige eine erstaunliche sexuelle Orientierung).
Schwul sein wird in der heterosexuellen Matrix geahndet, es wird auch unter Jungen meist recht deutlich abgewehrt, wenn nicht sanktioniert. Da aber nicht nur Jungen untereinander, sondern auch Jungen und Mädchen ständig interagieren und die Gesetze der Zweigeschlechtlichkeit einüben, wird die Abwertung von vermeintlich schwulem männlichen Verhalten ("ach, das ist doch eine Schwuchtel") bald durch das Flirtverhalten der Mädchen bestätigt. Jungen und Mädchen installieren untereinander ständig Normen und vermitteln diese aktiv. Sie sind darin beteiligt an dem, was sie dann selbst als Ausgrenzung von abweichendem Verhalten ausmachen können. Da die Geschlechterordnung nicht nur von der Abwertung von Weiblichkeit lebt, sondern auch durchzogen ist von Ausgrenzungen und Diffamierungen von Männern untereinander, ist diese Verschränkung so bedeutsam.
Die kritische Männerforschung hat beschrieben, wie sich diese Hackordnung unter Männern entwickelt. Dadurch, dass einige Männer als die Tonangebenden agieren, weil sie die Normen der sog. hegemonialen Männlichkeit vertreten, werden andere Männlichkeitsentwürfe, die eben nicht zu den machtvollen Männlichkeiten gezählt werden, mit Abwertungen bedacht. (vgl. ausführlicher in Bentheim u.a. 2005, S. 107ff) Männer, die von dieser Ordnung abweichen, werden diffamiert. Zugleich aber partizipieren viele Männer noch immer mehr von der Geschlechterordnung als Frauen. D.h. viele Männer erleben sich dennoch als den Frauen überlegen - obwohl sie es faktisch gar nicht unbedingt sind.
Dieses Gefühl der Überlegenheit paart sich in der Realität mit ungleichen Strukturen, die in der Geschlechterforschung als patriarchale "Dividende" beschrieben wird (vgl. dazu auch Böhnisch, 2003). Der empathische Blick auf die Lebensrealitäten von Jungen und deren eigen(artig)e Probleme, die von Männern aus der Jungen- und Männerarbeit gesucht werden, ermöglicht es zunehmend, neben der faktischen "Dividende" auch den Preis zu beschreiben, den Jungen und Männer für ihre vermeintlich privilegierte Geschlechtszugehörigkeit zahlen. Die kritische Jungen- und Männerarbeit qualifiziert diese Perspektive und sucht nicht nach einem Erhalt des (macht-strategischen) Vorteils von Männlichkeit. Sie kritisiert vielmehr die herrschenden Normen von Männlichkeit und sucht Männern die konkreten Schattenseiten des Lebens von Jungen und Männern aufzuzeigen und diesen zugänglich zu machen. Sie weist aber auch auf Diskriminierungen von Jungen und Männern hin: Je mehr Mädchen und Frauen im Sinne von mehr Geschlechtergerechtigkeit in männliche Domänen vordringen bzw. ihnen ein Zugang ermöglicht werden soll, desto mehr müssen Jungen und Männer gleiche Rechte in weiblichen Feldern bekommen (z.B. gemeinsames Sorge- und gleiches Umgangsrecht, Vatermonate im Elterngeld, Quotierungen im Erziehungswesen).
Zunehmend entwickeln sich auch in diesem Zusammenhang neue Fragen zur Haltung in einer gegengeschlechtlichen Beziehung, z.B. von Frauen zu Jungen und männlichen Jugendlichen bzw. von Männern zu Mädchen bzw. weiblichen Jugendlichen. Eine geschlechtersensible Sichtweise bedeutet Kritik an defizitpädagogischen Haltungen zu entwickeln. Die kritische Jungenarbeit sucht eine pädagogische Haltung jenseits von (Selbst-) Anklagen von Männern. Sie sucht auch kein Änderungsprogramm, das "moralinsauer" riecht; dies hilft nämlich wenig, weil es eher Abwehrstrukturen schürt und Angst macht. Die Erfahrung zeigt: Will man die Herzen der Jungen und Männer erreichen, dann geht das nur, wenn ihre Neugierde geweckt wird und ihnen neue Möglichkeiten des Jungeseins begründet und erlaubt werden - die sie in ihrer Alltagswelt vertreten können. Dazu können durchaus auch humorvolle Provokationen gehören - wenn sie dann von Sympathie begleitet sind und Veränderungen befördern. Nicht hilfreich sind moralische Appelle - vor allem nicht von Frauen (anhaltende Klagen haben noch immer die Ohren verstopft). Trotzdem bleibt: Jungen
hören heutzutage immer mehr, wie sie nicht sein sollen, sehen aber keine positiv akzeptierten Männlichkeiten, also Männer, die im positiven Männlichkeitsverständnis anders sind und gleichzeitig geachtet, respektiert und anerkannt werden.
Warum thematisieren Mädchen selten, dass sie in eine Freundin verliebt sind?
Antwort: Interessanterweise fragen Mädchen seltener und mit weniger offenkundiger Angst, wann sie eigentlich lesbisch sein könnten. Woher kommt das? Die Sanktionierung von Abweichungen in der weiblichen Zuschreibung ist weniger krass über Homosexualität als viel mehr über Anmaßungen von Macht begründet. Die weibliche Homosexualität wird heute weniger sanktioniert als früher und weniger öffentlich. Mädchen unterliegen durchaus auch kulturellen Abwertungen - und sie kommunizieren diese durchaus vielfältig (=weibliche Hegemonie). Ihre Aneignung von vermeintlich normalem weiblichen Verhalten ist weniger von Zwangsheterosexualität geprägt, auch wenn lesbisches Verhalten als Abweichung vielfach bezeichnet wird. Zentraler geahndet wird mangelnde Unterwürfigkeit und offen gezeigtes Begehren - Passivität versus Aktivität ist also durchaus nach wie vor ein Thema in der weiblichen Biografie. (zu den modernen Spielarten dieses Themas vgl. auch Funk/Lenz, 2005) Mädchen orientieren sich im Geschlechterverhältnis an den Normen der Selbstzurücknahme.
Gerade in Bezug auf Sexualität ist für sie die Tabuisierung der eigenen Begehrlichkeit und das Entdeckens der eigenen Sexualität vermeintlich normal. Abweichungen werden heute zwar zum Teil von Ermutigungen begleitet, innerhalb der peer group aber wird oftmals sexuelle Anpassung gefordert - aktives Begehren gilt nach wie vor eher als unnormal.
Auch wenn diese Normierungen Veränderungen unterliegen, so haben sich die Problematiken doch zugleich auch vervielfältigt. Viele Mädchen erfahren zwar heute mehr Unterstützung in ihrem Lebensweg von Eltern und Lehrerinnen, doch ist das Phänomen der Selbstzurücknahme noch immer paradigmatisch.
Auch hier zeigt sich der Effekt der Desexualisierung des Geschlechterverhältnisses. Die weibliche Biografie ist durchzogen von Verhaltensweisen, mit denen Mädchen versuchen, sich in ihrer peer group als normal zu behaupten. D.h. auch sie sind mit Normsetzungen eines vermeintlich normalen Lebens beschäftigt.
Frage eines Grundschülers: Wie kann ich einem Mädchen zeigen, dass ich es mag?
Antwort: Flirtverhalten von Jungen und Mädchen gehört in den Themenzusammenhang des Einübens angemessenen Verhaltens. D.h. richtig oder falsch ist ein wichtiges Thema für Kinder. Das Einüben vermeintlich richtiger weiblicher oder männlicher Verhaltensweisen beginnt bereits im Kindergartenalter: Jungen und Mädchen orientieren sich dabei an der sog.
heterosexuellen Matrix und üben "richtiges" Verhalten. Sie eignen sich Regeln an, die man als "Grammatik der Zweigeschlechtlichkeit" (vgl. Voigt-Keh-lenbeck, 2005) bezeichnen kann; D.h. sie lernen, was innerhalb der peer group als statthaft gilt - als richtig für Mädchen und als richtig für Jungen. Da auch viele Erwachsene meinen, dass es normal sei, wenn sich Jungen in besonderer Weise von Mädchen unterscheiden, erscheint es nur wenigen pädagogischen Erwachsenen wichtig, diese Zuschreibungen zu variieren und die starren Grenzziehungen zwischen den Geschlechtern zu kommentieren.
Viele Erwachsene finden es auch irgendwie komisch, wenn sich Jungen umarmen oder wenn Mädchen aktiv ihr Begehren zeigen und sich nicht "erobern" lassen wollen. Hingegen wird das Spiel im Kindergarten, wenn Mädchen z.B. Heiraten spielen als "niedlich" unterstützt und Jungen werden zum Toben und Wetteifern angeregt.
Auf diese Weise lernen kleine Mädchen, dass von ihnen erwartet wird mit Jungen zu flirten und sich von diesen "begehren zu lassen". Kleine Jungen lernen zugleich, dass sie sich von allem Weiblichen fernhalten müssen - und Mädchen blöd finden sollten. Sie lernen aber vor allem, sich auf keinen Fall als schwul zu gebärden. Damit lernen Kinder, sich auf ein Leben in heterosexuellen Partnerschaften vorzubereiten.
Deshalb ist es so wichtig, auf ihre Fragen reflektierte Antworten zu geben, denn auch pädagogische Fachkräfte vermitteln die Botschaft, dass Heterosexualität die Norm - und Homosexualität eine Abweichung darstellt. Besonders interessant hierzu sind die Ausführungen von Uwe Sielert über Fragen Abweichungen, Normierungen und die Normalität von Bisexualität. (Sielert, 2005, S. 85ff)
Zu einigen ausgewählten Fragen von Mädchen bezogen auf das Thema Begehren:
- Sind Männer wirklich notgeil?
- Warum wollen Jungs (fast) immer sofort ins Bett?
- Wie kann man den Partner verwöhnen, ohne mit ihm Sex zu haben?
- Was sollte eine Frau tun, wenn der Mann eine sexuelle Forderung stellt, die eine Frau ablehnt aber doch mitmacht, weil sie ihn glücklich machen will?
Antwort: Diese Fragen zeigen, dass sich Mädchen mit der Vermittlung der heterosexuellen Normen auseinandersetzen. Eines der Mythen vermeintlich natürlicher Männlichkeit heißt: Männer stehen ständig unter dem Druck des Begehrens. (vgl. dazu auch Holger Brandes in Funk/Lenz, 2005 zum Thema: "Männer denken immer an das eine". Zum- Mythos und Realität männlicher Sexualität)
Wenn Mädchen solche oder ähnliche Fragen formulieren, sollte man folgendes wissen: Sie wollen möglicherweise wirklich, dass man faktisch antwortet. Zugleich aber ist der Hintergrund dieser Frage wichtig. Denn es kann auch sein, dass sie damit eine Verunsicherung beschreiben, denn viele Mädchen und Frauen spüren, dass auch sie aktiv begehren. Und dies gilt in der Matrix der Heterosexualität als abweichendes Verhalten. Sie stehen also in der Gefahr, dass sie - wenn sie ihr aktives Begehren äußern - abweichen von dem abwartenden Verhalten des begehrten Subjektes, so dass sie dann als Hure oder Schlampe diffamiert werden. Vorsicht also vor zu eilfertigem wissenden Lachen - dies kann eine sehr ernst zu nehmende Frage von Mädchen sein, die sich gar nicht auf das drängende Verhalten von Jungen richtet - sondern auch Fragen transportiert in Bezug auf das eigene aktive sexuelle Begehren.
Fragen von Mädchen:
- Woran merkt man, was "wahre" Liebe ist?
- Woran kann man erkennen, dass er der "Richtige" ist?
- Wie äußert sich verliebt sein?
Antwort: Die sog. Liebesideologie ist ebenfalls ein Teil des gesamten Phänomens der Konstruktion von Zweigeschlechtlichkeit. Diese Ideologie wirkt sich auf das Leben von Mädchen und Jungen nachhaltig aus. Allgemein lässt sich feststellen, dass Ehe und Familie in unserer Gesellschaft keineswegs neutrale Begriffe sind. Sie unterliegen bestimmten Wertvorstellungen und Ideologien. Unsere Gesellschaftsordnung und die in ihr herrschende Geschlechterideologie sieht in der Familie einen Grundpfeiler. Die heterosexuelle Beziehung und die Liebesheirat werden darin noch immer als Bestandteil von Normalität vermittelt.
Die Vorstellung der Ehe als Bund zweier Liebender steht im Gegensatz zur Zwangsheirat. Diese kommt in vielen traditionellen Gesellschaften und auch in unterschiedlichen Religionsgemeinschaften vor. Der Islam geht von der Freiwilligkeit in der Eheschließung aus.
Wie in vielen Fällen von Diskriminierung und Menschenrechtsverletzungen an Frauen wird aber in manchen Gesellschaften die Frau noch immer zum Eigentum des Mannes degradiert. Sie wird ohne Anerkennung eines eigenen Willens, ja manchmal sogar ohne eigene Rechtspersönlichkeit definiert. In anderen Fällen erhalten die Familien durch Zwangsheirat ein hohes Brautgeld für die Mädchen. Nicht selten sind für die Zwangsheirat wirtschaftliche Gründe ausschlaggebend. Ein anderer Grund für die Zwangsheirat kann die Verheiratung von nahen Familienangehörigen wie Cousins und Cousinen sein, um durch die Stärkung der Familienbande oder des Clans Einfluss auf die Ehepartner nehmen zu können oder bei Problemen Einflussmöglichkeiten zu erhalten.(Obwohl der Islam sie nicht fördert, sind Ehen zwischen Cousins und Cousinen in traditionsbewussten Familien eine bevorzugte Verbindung. Auch wenn eine Heirat zwischen Cousin und Cousine nach wie vor als ideale Form der Ehe gilt, ist sie in der Praxis nicht besonders häufig. Nach Schätzung haben sie je nach Land einen Anteil von 2-15% an allen geschlossenen Ehen (Frauen im Islam, Heyne Verlag, S. 41)
Frage: Haben sich die Verhältnisse nicht angeglichen? Sind Männer nicht inzwischen genauso auf Familie ausgerichtet wie Frauen?
Antwort: Prinzipiell muss noch immer von einer Trennung in eine häusliche und eine erwerbsorientierte Sphäre gesprochen werden. D.h. das Prinzip der geschlechtsgebundenen Werte überzieht die Lebensstrukturen nachhaltig. Die Sozialisation von Männern und Frauen prägt die Vorstellung über ein "Innen" und ein "Außen". Das "Innen" ist meist der Weiblichkeit zugeordnet und wird deshalb von Frauen stärker ausgebildet. Das "Außen", das dem Bild des Männlichen anhaftet, prägt in der Regel stärker die männliche Biografie.
|
|
| Für das Verständnis unserer aktuellen Lebensverhältnisse ist es hilfreich, wenn man sich vergegenwärtigt, dass wir von einem Fortbestand dieser grundsätzlichen Orientierung ausgehen. D.h. es gilt die Entwicklung von neuen Widersprüchen in den Lebenswelten von Männern und Frauen zu erkennen. Obwohl viele Umfragen den Eindruck erwecken, dass sich die Unterschiede der Geschlechter nivelliert oder angeglichen hätten, sind zunehmend die Veränderungen in ihren Verschränkungen mit dem vermeintlich natürlichen Unterschied bestimmend. Der Widerspruch dieses komplexen Verhältnisses zwischen Veränderung und Beharrungen wird u.U. jedoch nur verständlich, wenn man sich mit den Veränderungen im Geschlechterverhältnis unter dem Eindruck moderner Gesellschaftsstrukturen auseinandersetzt.
Der moderne junge Mann des beginnenden 21. Jahrhunderts, so möchte man meinen, lebt doch nicht mehr nach dem traditionellen geschlechtshierarchischen Außenmodell. Er zeigt Gefühle, respektiert Frauen als Kolleginnen in Beruf und Öffentlichkeit, äußert selbst den Wunsch, dass er familienorientierter leben möchte etc. Ja viel mehr noch: In unserer heutigen Gesellschaft gelten hierarchische Geschlechterrollen als antiquiert, allerdings nicht nur aus ethischen oder moralischen Gründen, sondern weil eine flexibilisierte und mobile postindustrielle Gesellschaft solche Trennungen und Brüche nicht mehr gebrauchen kann.
Das Widersprüchliche in unserer Zeit liegt nun darin, dass dieselbe Gesellschaft, die diese Geschlechterrollen zu nivellieren scheint, in ihrer ökonomisch- technologischen Entwicklung alte Rollentrennungen und Aufspaltungen in geschlechtstypische Belastungen wieder neu freisetzt. Die zu bewältigende Komplexität, mit der junge Männer und junge Frauen heute konfrontiert sind, liegt also darin, dass ein doppeltes Spiel gespielt wird: Auf der einen Seite scheinen die Entgrenzungsprozesse die alte geschlechtswirksame Trennung von Produktion und Reproduktion aufzulösen, in dem sich auch die familiale Welt der Frauen ganz geöffnet hat und ihnen die gleichen Berufschancen zugesprochen werden.
Auf der anderen Seite müssen Männer und Frauen zusehen, wie sie mit der alltäglichen Reproduktion ihrer Lebensfähigkeit privat zurechtkommen. Dies führt dazu - wenn auch nicht mehr in traditioneller Selbstverständlichkeit, sondern mit der Anforderung des privaten Aushandelns dass Frauen stärker auf die Familie rückverwiesen sind und manche Männer wieder rückgebunden sind in eine intensivierte Arbeit. Diese Doppeldeutigkeit schafft für beide Geschlechter neue Konfliktkonfigurationen.
Viele Männer würden gerne stärker an der Familie teilhaben, werden gleichzeitig durch die Arbeit weiter aufgesogen, müssen sich zum Teil sogar an die Arbeitswelt strikter binden als zuvor. In kritischen Lebenssituationen kann im Privaten das nun öffentlich verdeckte Geschlechterproblem neu aufbrechen, denn es halten die interpersonal ausgehandelten Rollenvereinbarungen nicht mehr. Lothar Böhnisch fasst dieses Dilemma wie folgt zusammen:
Oft fallen Männer auf Befindlichkeiten des Mannseins zurück, die sie für sich überwunden glauben und denen sie z.T. nun hilflos gegenüberstehen. Erlebt werden z.B. Rückfälle in maskuline Verhaltensweisen, die von dem einzelnen mit Erschrecken erlebt werden können. Und eben darin zeigt sich das Verdeckungsverhältnis, das den Geschlechterkonstruktionen innewohnt: denn es kommt zu Rückfällen in z.T. aggressive männliche Dominanzhaltungen, die subjektiv als nicht in die interaktiv geformte Vorstellung von sich und dem eigenen Mannsein hineinzupassen scheinen. Manche junge Männer fühlen sich schier von diesen "übermannt" oder verfallen - wenn nicht in Aggressivität dann in Hilflosigkeit und depressive Rückzüge. So sind es in Gewaltverhältnissen in den Familien z.B. nicht so sehr die traditionellen Geschlechterrollen, wie zu früheren Zeiten, sondern eher periodische und überraschende Rückgriffe auf männliche Dominanz- und weibliche Rückzugsmuster, die - oft zu Lasten der Kinder - eben ganz im Privaten ausgetragen werden. (vgl. dazu Böhnisch, 2003 S. 190ff)
Die fachliche Frage, die mit dieser Broschüre gestellt wird, zeigt, dass genauer zu erfassen ist, was der Terminus Genderwissen oder Genderkompetenz meint. Alte Vorstellungen erscheint dieses Problem nicht mehr erschöpfend zu beantworten. Vorstellungen von dem Aufbrechen bzw. der Aufschlüsselung von neuen Geschlechterrollen als Fortschritt alleine helfen nur bedingt weiter. Vielmehr gilt es, das Spannungsgefüge, in dem sich das Geschlechterverhältnis entfaltet, zu erfassen. Eine komplexe Aufgabe.
Die Vereinfachung aber, die sich auf eine Kritik an den Geschlechterrollen bezieht, erscheint eher kontraindiziert. Mit einer Kritik der Männer ist es nicht mehr getan. Vielmehr gilt es die Komplexität der Bewältigungsanforderungen, die sich in den Familien und auf den Schulhöfen und in den vielen außerschulischen Lebenswelten entfalten, zu verstehen und die Persönlichkeitsentwicklung der jeweiligen Klientinnen und Klienten konstruktiv zu begleiten und zu fördern.
|
|