I. Jugendliche und Sexualität

Berichte über Sexualität beziehen sich oft nur auf Fragen über die Wünsche und Vorstellungen in Bezug auf sexuelle Aktivitäten und damit auf die sexuellen Phantasien einer Person. Selten aber wird in der Sexualforschung auf das Besondere der Sexualität, nämlich die Interaktion Bezug genommen. Da aber sexuelle Aktivitäten in den allermeisten Situationen die "Kopräsenz" von mindestens einer weiteren Person voraussetzen, ist gerade die sexuelle Interaktion für die Beratung von Jugendlichen von Interesse. Wenn man dann noch anerkennt, dass die Jugendphase auch von den Jugendlichen als eine durchaus länger andauernde Lebensphase angesehen wird und sie diese mindestens bis zum 25. Lebensjahr, wenn nicht weit länger noch zur Gruppe der Jugendlichen rechnen, dann wird verständlich, wie die These von der Geduld gemeint ist, die besagt, dass Jugendliche sich durchaus auch "gedulden würden" mit der Entdeckerlust zugunsten einer Beziehung, in der sie die ersten Erfahrungen machen wollen. Was aber ist dann mit der Interaktion zwischen den sich begehrenden Liebespartnern -was ist mit den Mythen "Männer wollten immer nur das Eine"? und Mädchen seien zurückhaltender und wollten erobert werden?

Wie sehen sich Jugendliche selbst?
Jugendliche halten sich, dies wird übereinstimmend in vielen Studien dargestellt, selbst sehr wohl für ausreichend aufgeklärt; Sie erleben sich als autonom und sind stolz darauf, dass sie verantwortlich sind für ihre eigenen Geschicke.
Und was ist mit der mangelnden Aufklärung, was sagt die Forschung zu all diesen Widersprüchen? Sind Jugendliche nun selbstbewusster als früher oder verklemmter, freizügiger oder verantwortungsloser? Sind sie eher gewillt, sich früher zu erproben oder sind Jugendliche heute zurückhaltender und schüchtern? Erwarten Mädchen von den Jungen immer noch die Rolle der Aktiven oder sind es die Mädchen, die die Jungen einschüchtern? Und was ist mit Homosexualität - ist sie zu einem Teil der Normalität geworden oder bleibt es für Menschen mit homosexuellen Neigungen weiterhin schwierig, den eigenen Weg zu entdecken und entspannt gehen zu können? Und können Jugendliche sich im Zeitalter von Aids überhaupt noch entspannt sexuell erproben?

Was stimmt denn eigentlich, welches Bild trifft denn zu?
Festzuhalten bleibt ganz am Anfang dieser Broschüre: Allgemeine Informationen über das, wie Jugendliche angeblich sind, sind immer mit Vorsicht zu genießen. Die Aussagen sind oft widersprüchlich. Unsere Welt der Pluralisierungen zu beschreiben und zu erfassen bedeutet, dass keine klaren einfachen Klassifizierungen mehr möglich sind. Umso schwieriger wird es für die Pädagoginnen und Pädagogen, für ihr erzieherisch begründetes Verhalten Richtlinien zu finden und Orientierung zu geben. Worauf sollen sie sich berufen, wenn man als verantwortlich handelnde Person Jugendliche beraten will. Während die Bild-Zeitung mit dem Sexreport über die sexuell freizügige Jugend titelt, trägt die Adoleszenzforschung Ergebnisse vor, dass Jugendliche gar nicht so freizügig seien, ja, dass sie sogar eher vermehrt Treueorientierungen haben und sich für das erste Mal beide - Mädchen und Jungen - für eine feste Beziehung 'aufsparen' (vgl. Sielert, 2005, S.118 und Lenz1 , 2005, S.115).

Was stimmt denn nun?
Uwe Sielert betont sehr nachdrücklich, dass Jugendsexualität immer gerade so beschrieben wird, wie man sie sehen will. Hat eine Pädagogin gerade ihren Freund verlassen, sieht sie den statistisch häufiger werdenden Beziehungswechsel aller Orten bestätig. Leidet ihr Kollege an einer Trennung, werden ihm viel mehr die Nachrichten auffallen, die auf vermehrte Beziehungsschwierigkeiten hindeuten.

Es gibt immer eine beobachtbare Außenperspektive und eine subjektive Innenperspektive. Letztere ist weniger sichtbar, weil sie in Meinungsumfragen nicht mitgeteilt wird. (Sielert, 2005, S. 118)

Das Thema Sexualpädagogik ist nur schwer in seiner umfassenden Dimension einzufangen, denn es gibt tatsächlich kaum eine generalisierbare Aussage darüber, weil Sexualverhalten immer so unterschiedlich ist, wie die Lebenswelten in denen Jugendlichen leben.

Sexualität kann nicht aus der Person und allen anderen Be-dingungen des Lebens herausgeschnitten werden, sondern ist immer eng verbunden mit dem Verständnis von Junge und Mann-sein, Mädchen und Frau-sein, verbunden mit dem Kommunikationsstil in der Herkunftsfamilie, des sozialen Umfelds, den Bildungschancen, materiellen Möglichkeiten, der Wohnumwelt, kulturellen Stilrichtungen und vielen ganz individuellen biografischen Besonderheiten. Sexualität hat eine wichtige Funktion für die Identität, das Selbstgefühl und Selbstbild eines Menschen (ebd.).

Wie aber können sich dann Fachkräfte auf Fragen vorbereiten, die Jugendliche im pädagogischen Alltag beschäftigen. Wie kann Prävention gelingen, wenn die Zusammenhänge so wenig verallgemeinerbar sind und die Themen Liebe und Sexualität für Jugendliche nachweislich so zentral sein können. Hilfreich ist eine Auseinandersetzung mit den eigenen Zielen von Sexualpädagogik und eine entsprechende Positionierung in der Auseinandersetzung.
Nach Ansicht von Fachkräften misslingt Prävention dann, wenn

  • Mädchen und Jungen das Gefühl haben, dass sie aufgeklärt werden mit einem Vokabular, das sie peinlich oder sehr fremd finden
  • Erwachsene meinen zu wissen, welche Fragen Jugendliche haben und antworten ihnen deshalb auf Fragen, die nicht wirklich die Fragen der Jungen und Mädchen sind
  • sie die Fragen, die sie gerne stellen würden, nicht stellen können und sich deshalb woanders Antworten suchen (z.B. im Internet, in der Bravo oder in Pornofilmen).

Besonders schlecht scheint die Prävention offenbar dann zu sein, wenn sich sexuelle Aufklärung nach Warnung oder Belehrung anfühlt; wenn sie keinen Bezug zu der Lust und Aufregung hat, die Sexualität bei Kindern und Jugendlichen auslöst.

Alle Wörter, die wir in Sexualkunde lernen mussten, klingen übrigens eklig: Jungfrau, Jungfernhäutchen, Pubertät, Menstruation, onanieren, Penis, Scheide, Orgasmus...
Klingt alles miteinander widerlich-ekelhaft.
(Zitat aus einem aktuellen Jugendbuch von Cecilia Torrud: "Hilfe ich werde erwachsen", Oetinger Verlag 2004, S. 53)

Der Titel der hier vorliegende Broschüre "Lust auf Sex" soll zeigen, dass Kinder und Jugendliche eine lustvolle Sexualität suchen, dass ihre Fragen auf diese Hoffnung ausgerichtet sind.
Alles, was mit Sexualität zusammen hängt, verstehen wir als Lebensenergie, die sich im Körper entwickelt und die sich ein Leben lang - auch schon bei Kindern - entfaltet. Sexualität ist also nicht nur ein rein körperliches Phänomen, sondern als ein umfassender Kontext zwischenmenschlicher Interaktion und als soziales Handeln zu verstehen:

Menschen "verständigen sich im sexuellen Handeln mit dem anderen über ihre Gefühle, ihre Wünsche, ihre Identitätsentwürfe, tauschen sich aus über Unsicherheiten und Ängste, stiften Sinn, stellen Kontinuität für ihre Welt her." (Dunde, R. (Hrsg.): Handbuch Sexualität, Weinheim 1992, S. 252)

Wir grenzen die verschiedenen Erscheinungsformen von Gewalt in sexueller Form (Vergewaltigung und sexuelle Nötigung, date-raping, Sextourismus unter Ausnutzung wirtschaftlicher Machtpositionen oder auch Pornografie in ihrer frauenverachtenden Art) in diesem Sinne erst einmal aus. Wir sehen diese Formen nicht - wie im obigen Sinne definiert - als Teil von Sexualität. Gewalt hat nichts mit Sexualität zu tun, sondern mit Gewalt, bei der Sexualität instrumentalisiert wird.

Ab wann ist Sexualität überhaupt ein Thema?
Ist es nicht etwas spät, sich der Frage zuzuwenden, wie man Jugendlichen begegnet, wenn sie Fragen zur Sexualität haben? Ist nicht auch Aufklärung in der 6. - 8. Klasse viel zu spät? Fragen nicht auch schon Kinder nach Sexualität?
Natürlich stellen nicht erst Jugendliche Fragen zu Sexualität. Gerade auch Kinder interessieren sich für Liebe und Sexualität. Dieses soll exemplarisch am Beispiel von Fragen von Jungen in einer Grundschule illustriert werden und zugleich soll damit etwas ganz anderes beantwortet werden:
Wie die nachstehenden Fragen belegen, beschäftigen sie viele allgemeine Fragen, aber auch solche mit detailliertem Interesse. Es zeigt sich auch hier, dass mit dem Thema Sexualität alle Lebensbereiche verbunden sind. Vor allem aber wird auch hier deutlich: Fragen zur Sexualität sind immer auch Fragen nach dem richtigen Verhalten. Denn Sexualität definiert vor allem die vermeintliche Normalität weiblicher und männlicher Inszenierungen. (vgl. dazu Mogge-Grotjahn, 2004, S. 93-94)

Anonym gestellte Fragen von Jungen aus einer Grundschulklasse (1998)

  • Warum muss ich mich rasieren?
  • Müssen Zungenküsse sein?
  • Was ist das Weiße, das bei meinem Bruder aus dem Penis gekommen ist, als er onaniert hat?
  • Wie kann ich einem Mädchen zeigen, dass ich es mag?
  • Ich habe auch schon Jungen geküsst, darf ich das?
  • Kriegen Kinder auch schon Aids?
  • Wie lang wird mein Pimmel noch wachsen?
  • Was ist Menstruation?
  • Was ist ein Orgasmus?
  • Wie kann ich einem sagen, dass ich in ihn verliebt bin, ohne dass es die anderen merken?
  • Bekommen Blinde auch ein blindes Baby?
  • Was isst das Baby im Bauch?
  • Was ist ein Fötus?
  • Kann man mit 12 schon ein Kind kriegen?
  • Warum gehen die Jungen immer so schnell ran?
  • Was ist Sperma?
  • Was tut man genau, wenn man miteinander schläft?
  • Die großen Mädchen und Jungen reden immer von "Petting", was ist das?
  • Was ist ein Kinderschänder?
  • Was heißt Empfängnisverhütung?
  • Tut es weh, wenn die Nabelschnur durchgeschnitten wird?

Die hier zitierten Fragen von Grundschülern machen deutlich, dass zum einen von einer Kontinuität der Fragen in Bezug auf Sexualität (vgl. Nespor, 2002, S. 16ff), zum anderen von einer Verschränkung zu Fragen zum Geschlechterverhältnis auszugehen ist. D.h. Fragen von Mädchen und Jungen beziehen sich immer zum einen auf Prozesse, die durch das natürliche Körperwachstum ausgelöst sind. Zum anderen aber sind sie Teil des Aneignungsprozesses der 'Konstruktion Geschlecht'.
D.h. Jungen und Mädchen offenbaren mit ihren Witzen, Fragen und Verhaltensweisen auch, was sie in Auseinandersetzung mit der "Konstruktion Geschlecht" zurzeit beschäftigt - nicht selten sind auch vermeintlich provokative Geschehnisse (im Kindergarten oder in der Grundschule) in diesem Kontext zu verstehen.

Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Literatur
Kontakt
Aufklärung heute

Gleichaltrige Studien belegen, dass viele Jugendliche Gespräche mit Gleichaltrigen über Sexualität als Quelle für die Aufklärung als "nicht ernst zu nehmen" (Friedrich u.a. 2005, S. 57) bezeichnen. Dies liegt wohl auch daran, weil sie untereinander bestimmte Themen tabuisieren, weil sie diese "als peinlich" empfinden. Gerade unter Jungen scheint es, dass diese Gespräche eher dazu genutzt werden, Vergleiche mit eigenen Erfahrungen zu machen. D.h. im Gespräch der peers geht es weniger um Wissensvermittlung oder gegenseitige Aufklärung als eher um Versuche, die eigenen sexuellen Erfahrungen einzuordnen, zu bewältigen und sich der eigenen "Normalität" zu versichern.
Eltern Neuere Studien (Friedrich, 2005, S. 57) zeigen weiter, dass Aufklärungsgespräche mit den Eltern, meistens mit den Müttern, als wenig positive Erlebnisse geschildert werden. Die meisten Jugendlichen äußern sich dazu ambivalent bis negativ. Vielen Jugendlichen sind die elterlichen Aufklärungsbemühungen "unangenehm", sie empfinden sie als "blöd", "peinlich" oder "ein bisschen heikel".

Auch gehen die Jugendlichen davon aus, dass ihre Eltern kein Verständnis für die von ihnen selbst als wichtig empfundenen sexuellen Erfahrungen haben. Sie sind der Meinung, dass bestimmte sie interessierende Themen nicht angesprochen werden können, weil sie vermuten, ihre Mütter seien zu "gehemmt" und damit keine adäquaten Gesprächspartnerinnen für sie. Oder sie fürchten, über ihre sexuellen Erfahrungen "ausgehorcht" zu werden. Manche der Jugendlichen reagieren auf Fragen nach bereits gemachten Erfahrungen mit Halbwahrheiten, um ihre Mütter zu schonen. (Friedrich u.a. 2005, S. 57)

Eltern sind für Themen wie Liebe, Sexualität und Freundschaft nur bedingt geeignete Gesprächspartner. Denn in der Adoleszenz ist das Gespräch mit Mutter oder Vater über Sexualität unangenehm und eher unerwünscht. Viele Jugendliche mögen sich nur sehr bedingt vorstellen, wie das aktive Sexualleben ihrer Eltern aussieht. Sie haben oft den Wunsch, sie nur als Eltern - und nicht als Sexualpartner zu betrachten.

Medien Hingegen hat die Aufklärung durch mediale Materialien (wie die Jugendzeitschrift "Bravo" bzw. seltener "Bravo-TV", aber auch die vielen Talkshows und Soap-operas am Nachmittag) für die meisten Jugendlichen einen hohen Stellenwert. Viele bezeichnen diese Informationsquelle als Aufklärung schlechthin. Einige Jugendliche führen aber auch an, dass sie aufgeklärt seien durch "Liebesfilme im Fernsehen" bzw. dass sie Pornografie konsumiert hätten und diese selbst als ihre entscheidenden Aufklärungsinstanzen bezeichnen würden. (Friedrich u.a. 2005, S. 57)

Diese neueren Studien machen deutlich, dass es sinnvoll erscheint, besser zu differenzieren in das, was Jugendliche unter Aufklärung verstehen und das, was sie wissen sollten. Auch divergieren sie erheblich in Bezug auf die Informationen der Jugendlichen und ihre Möglichkeiten, diese anzuwenden.

So könnten viele Jugendliche zwar die ihnen bekannten Verhütungsmittel aufzählen und viele können auch die allgemein bekannten Verhütungsmittel wie Pille und Kondom, sogar Spirale, Schaumzäpfchen bzw. Gels und Cremes benennen - ja auf Anfrage auch in der Regel wenigstens drei bis sechs Kontrazeptiva aufzählen; Dennoch sind diese Informationen in Bezug auf deren Funktions- und Wirkungsweisen nur sehr unvollständig verarbeitet und werden entsprechend ähnlich lückenhaft auch in die eigene Handlungspraxis übertragen. Insbesondere in Bezug auf den Schutz vor Krankheiten wie Aids, Hepatitis oder Geschlechtskrankheiten haben sie unzureichendes Wissen. Dieses erhöht in konkreten Situationen die Verunsicherung, so dass die Vermittlung von umfassendem Wissen ohne Umsetzungs- und Handlungsbezug "eher zur Verunsicherung beiträgt" als dass daraus eine "sichere Basis für präventives Handeln" entwickelt werden kann.

Zum Teil sind es auch Erzählungen oder Erfahrungen - eher einmalige - von Jugendlichen mit bestimmten Kontrazeptiva - besonders mit Kondomen, die negative Einstellungen gegenüber ihrer Verwendung bewirken und so die Anwendung beeinträchtigen und behindern. Weiter stellen diffuse, alltagsmythische Einstellungen Hemmnisse dar, die das vorhandene Wissen konterkarieren:

Exkurs Verhütung

Es bestehen viele Alltagsmeinungen wie z.B.: "Kondome benutzen sei wie "Bonbons mit Papier lutschen". Hier wird die Befürchtung beschrieben, dass die Benutzung von Kondomen den vorgestellten Ablauf des Sexualaktes unterbrechen würde und dieses zu Erektionsstörungen führen könnte. Andere meinen, das Benutzen von Kondomen nehme "den erotischen Kick", der sich eben gerade aus dem Risiko der Schwangerschaft speise! Sex ist crazy, unvernünftig. Aber Hauptsache alles klappt, um keinen Gesichtsverlust
zu erleiden... So denken manche Jungen und Männer: "Sie wird schon verhüten, schließlich kann ja nur sie schwanger werden und muss entsprechende Vorsorge treffen". Aber auch "einmal ist keinmal".

Und auch bei Fachkräften gibt es sehr widerstreitende Einschätzungen und Vorstellungen über Verhütung: Die einen meinen, die Gebrauch der Pille sei abzulehnen, nicht nur weil der Papst gegen Verhütungsmittel spreche (dies ist eher untypisch), sondern vor allem weil die Pille dick mache. Dabei ist gemeint, dass die Pille ein radikaler "chemischer Eingriff" in den Körper darstellt - und die regelmäßige Einnahme von Hormonen durchaus auch aktuelle Folgeerscheinungen (wie z.B. Scheidenentzündungen, Blutungsstörungen, Brustspannen, Libidoverlust, Gewichtszunahme, Thrombosegefahr) bzw. Spätfolgen (wie z.B. eine erhöhte Brustkrebsgefahr etc.) haben kann. Andere wiederum meinen, es sei Jugendlichen die Pille prophylaktisch zu empfehlen. In diesem Fall werden die Nebenwirkungen in Kauf genommen mit dem Argument, diese seien weniger dramatisch als eine ungewollte Schwangerschaft. Nur wenige Mitarbeiterinnen in der Schule und Jugendarbeit hingegen empfehlen z.B. den Gebrauch von "Schaumzäpfchen" weil diese als besonders unsicher gelten. Und auch das Diaphragma wird für Jugendliche nur selten empfohlen. Dies ist meist damit begründet, dass deren Gebrauch eine relativ große Bereitschaft der Mädchen erfordere, sich selbst im Genitalbereich zu berühren.

Da viele Mädchen dies im Jugendalter als durchaus befremdlich empfinden, sei die Handhabung oft schwierig. Bedenken zum Gebrauch der Spirale beziehen sich auch darauf, dass vor Eileiterentzündungen und mögliche Unfruchtbarkeit gewarnt wird.
(Gut recherchierte pro familia Broschüren zu jedem einzelnen, derzeit aktuellen Verhütungsmittel, in seinen Vor- und Nachteilen umfassend dargestellt unter www.profamilia.de)

Allgemein lässt sich festhalten, dass zwar inzwischen viele hormonelle
Verhütungsmittel ausgereifter sind und es auch einige neue Verhütungsmittel auf dem Markt gibt - dennoch bleibt die Tatsache bestehen, dass es letztlich kein Verhütungsmittel gibt, das einen 100%igen Schutz bietet und ganz ohne Nebenwirkungen ist. Die Anwendung von Verhütungsmethoden erfordert immer ein Abwägen der Nachteile - und ist ein Teil des Aushandlungsverhältnisses zwischen den Sexualpartnern. Festzuhalten ist in diesem Kontext aber auch der Konflikt, dass es außer der Benutzung des Kondoms kaum Verhütungsmethoden für Jungen und Männer (abgesehen von der Sterilisation und der Abstinenz = keinen Sex) gibt. D.h. die Verhütungs-"Last" wird großteils an die Mädchen/Frauen delegiert, wenn keine Kondome benutzt werden. Dies macht deutlich, dass eine verantwortliche Verhütung nicht nur eine Frage von Faktenwissen ist.

Fazit: Aufklärung über Verhütungsmethoden hat nur Erfolg, wenn sie als Teil einer umfassenden Sexualerziehung gesehen wird, die wiederum Teil der gesamten Sozialerziehung sein muss.

Schulische Aufklärung Die schulische Aufklärung bleibt leider für viele Mädchen und Jungen eher ein "abstrakter Lehrstoff", der vielerorts aufgrund des Mangels an präziser Information kritisiert wird. Das Problem, dass dieser Aufklärungsunterricht eher "Halbwissen" erzeugt und viel zu mechanisch über die Wirkungsweisen von Kontrazeptiva, negative Erfahrungen im Umgang mit Andeutungen und altersunangemessene Informationen durch den Unterricht vermittelt, wird auch deshalb kritisiert, weil er nicht auf die Anwendung, auf die Verwendungsnotwendigkeit selbst bezogen wird. Die praktische Umsetzung wird von vielen Lehrkräften vernachlässigt. Statt dessen dominiert ein Aufklärungswissens über Verhütungsmittel und -methoden. Dieses Wissen aber macht die Aufklärungsbemühungen in der Schule für Jugendliche zu einer Informationsquelle, die als "mehr oder weniger lebensweltlich untauglich" angesehen wird (Friedrich, 2005, S. 58).

Wenn es gelänge, Sexualerziehung deutlicher in einem Gesamtkonzept von Unterricht einzubetten, sodass fließende Übergänge zum Fachunterricht zulässig sind, wird Aufklärung zum Unterrichtsprinzip. Ein solches Prinzip bedeutet, die sinnliche Erfahrung und die Gefühle als Grundlage für zwischenmenschlichen Kontakt vor die Vermittlung von sexuellem Fachwissen zu stellen. Dazu sind die (Vor-) Erfahrungen der Kinder und Jugendlichen ernst zunehmen, denn sie bilden dann den Ausgangspunkt und die Grundlage sexualpädagogischer Veranstaltungen. Wird Sexualität so nicht zu einem kognitiv lernbaren Wissensgebiet degradiert, sondern als ein Prinzip gehandelt, in dem der Mensch in seiner Ganzheit von Körper, Geist und Seele in den Mittelpunkt gestellt ist, ist der schulische Rahmen selbst fragwürdig. Denn eine derart erweiterte Sexualerziehung kann nicht isoliert und aufgeteilt in (Schul-)Fächern existieren. Sollen die subjektiven Erfahrungen, Gefühle, persönliche Haltungen und der sozial-emotionale Hintergrund von Sexualität nicht außer Acht gelassen werden, sind außerschulische Einrichtungen einzubeziehen. In diesem Zusammenhang bietet sich eine Zusammenarbeit zwischen Beratungseinrichtungen der Jugendhilfe und den Schulen an; Denn diese können das Prinzip der Freiwilligkeit und Anonymität wahren und methodisch geschlechterdifferenzierende settings (von der Trennung in Mädchen- und Jungengruppen bis hin zur Beratung im setting des "Gender Crossing") verwirklichen.

Aidsprävention und Sexualaufklärung werden aber nicht allein durch das Fachpersonal in Beratungseinrichtungen möglich. Vielmehr ist die klassische Beratung in außerschulischen Einrichtungen oft ebenso wirksam. Diese besteht oft aus kleinen Kommentaren im Alltag. Diese Kommentare sind wichtige Einfallstore für Gespräche über weitergehende (bislang nicht gestellte) Fragen.

Müssen die erwachsenen Fachkräfte deshalb alles wissen?

Eine sozialpädagogische Fachkraft braucht kein umfassendes Detailwissen, wohl aber eines, das den Jugendlichen zu gesundem Halbwissen (wie es Reinhard Winter formuliert hat) verhilft. Einem Wissen, das sie zumindest befähigt, weiter zu fragen und sie ermutigt dort nachzufragen, wo Fachkräfte sind bzw. dort nachzuschlagen, wo wirklich sinnvolles Faktenwissen angeboten wird.
Wenn es also darum geht Jugendliche zu begleiten, dann ist es wichtig, das eigene Wissen zu prüfen. Wenn Jugendliche nur eine diffuse "Ahnung" von den Vorgängen haben, die mit Aids, Sexualität oder Zeugung und Schwangerschaft zusammen hängen, dann ist es wichtig, auf alle möglichen Fragen eingestellt zu sein.
Ihre Unsicherheit aber hat kaum Platz in einer Umwelt, in der angeblich
alle, Fachkräfte, Eltern und die peer group "voll den Durchblick" haben. Es scheint viel mehr notwendig, der Medienflut und der leichten Zugänglichkeit von Bildern und Filmen das Gespräch entgegen zu setzen. In diesem Gespräch ist nicht entscheidend, dass wir als Erwachsene alles wissen und beantworten können - sondern dass wir wissen, was wir nicht wissen und wo man es nachschauen könnte.

Pädagogische Fachkräfte als Gesprächspartner

Fachkräfte in Jugendarbeit und Schule sind wichtige Gesprächspartner für Jugendliche. Deshalb sind Beratungen mit Fachkräften außerhalb des Elternhauses von großer Bedeutung.

Die Herausforderung liegt darin, mit den Kindern und Jugendlichen über ein Thema ins Gespräch zu kommen, das zum einen als sehr privat empfunden wird, zum anderen mit öffentlichen Botschaften und Bildern besetzt ist. Diese Bilder beschreiben häufig eine vermeintliche Normalität. Die Geschlechterforschung spricht in diesem Zusammenhang von der "Konstruktion Geschlecht" und meint, dass kulturelle Deutungen die Geschlechterzuschreibungen prägen. In diese vermeintliche Normalität im Spannungsfeld des männlichen und weiblichen Verhaltens fließen Botschaften über die Normalität von Sexualität vielfältig ein. D.h. auch das subjektive Empfinden von Begehren, Aufregung und Neugierde ist von den Widersprüchen der Konstruktion Geschlecht geprägt - nicht nur vom Halbwissen oder dem Konflikt um die Verhütungsfragen.

Ein Junge, der sich nicht sexuell aktiv zeigt und "forsch an Mädchen herantritt" wird als schüchtern gesehen - ihn trifft rasch der Vorwurf, er sei kein "richtiger" Mann. Ein Mädchen, das sich nicht auf das Umworbenwerden begrenzen lassen möchte, dass sich aktiv begehrend zeigt, muss sich rasch um den eigenen guten Ruf sorgen - wird vielleicht rasch als Schlampe, Vamp oder Hure diffamiert.

Aufklärungsarbeit in Zeiten von Veränderungen in den Geschlechterzuschreibungen

Wenn Fachkräfte auf Jugendliche reagieren, benötigen sie nicht nur so genanntes biologisches Faktenwissen. Sie sollten auch wissen, dass sich aus den Veränderungen im Geschlechterverhältnis nicht nur Freiheiten, sondern auch neue Widersprüche ergeben haben.

Um auf beide Aspekte einzugehen, haben wir diese Broschüre in zwei unterschiedliche Kapitel unterteilt: wir gehen auf Fragen in Bezug auf das faktische Aufklärungsthema ein und greifen später Fragen zur Interaktion zwischen den Geschlechtern auf. Wir beantworten Fragen zum Verhalten von Jungen und Mädchen und zeigen auf, wie alltagstaugliche Haltungen eine Qualifikation von männlichen und weiblichen Fachkräften in der Sozialen Arbeit darstellen kann.

Die Aufgabe der pädagogischen Fachkraft in der Beratung von Jugendlichen liegt nach unserer Auffassung darin, Sexualität als eines der großen Themen im Leben von Kindern zu sehen. Ein Thema, das verbunden ist mit Fragen zu erlaubten und verbotenen Dingen in Bezug auf den Umgang mit der eigenen Lust, der Angst vor Normübertritten, der Angst vor Gewalt und der Integration von Bildern und Normvorstellungen vermeintlich normalen weiblichen oder männlichen Begehrens.

Wir haben in dieser Broschüre exemplarische Fragen ausgewählt, die in der Praxis häufig gestellt werden. Unser Ziel ist es, mit dieser Broschüre die unterschiedlichen Dimensionen
von Fragen zur Beratung in Sachen Sexualität aufzuzeigen und Neugierde für die unterschiedlichen Möglichkeiten der Vertiefung dieses so faszinierenden und zugleich widersprüchlichen Themenkomplexes zu wecken.

Mit beispielhaften Fragen und Antworten möchten wir Fachkräfte anregen, bestehende Einstellungen zu überdenken, sie mit dem Fachwissen abzugleichen und damit eine reflektierte Haltung zu entwickeln.

Jugendliche fragen gerade nach Normalitäten, Ausgrenzungen und Verboten - sie suchen nach Antworten auf ihre eigenen Moralvorstellungen:
"das ist doch nicht normal!"
"ist das nicht pervers?"
"das finde ich abwegig!".

Eine fachlich qualifizierte Haltung zeichnet sich dadurch aus, dass es gelingt, sexualpädagogisches Fachwissen mit alltäglichen Interaktionen, mit Themen wie Respekt und Toleranz zu verbinden. Die Interaktion zwischen Menschen ist ein zentrales Thema sexuellen Lustempfindens. Und deshalb ist auch das Wissen um die Irritationen zwischen Männern und Frauen für die Beratung von Jungen und Mädchen so bedeutsam.

Wenn wir also darauf hinweisen, dass es uns darum geht, Fachkräfte auf die Fragen von weiblichen und männlichen Jugendlichen vorzubereiten, so bedeutet dies nicht, dass wir meinen, Jugendliche würden tatsächlich so offensiv fragen (so ist es leider nicht). Viele Jugendliche sind vielmehr in einer sehr abwartenden Position. Sie können die Fragen häufig mangels eigener Erfahrungen nicht formulieren und gleichzeitig möchten sie ihr Fragen nicht als Ausdruck ihres "Zurückgebliebenseins" verstanden wissen.

Fachkräfte sollten sich offensiv mit den Themen "Liebe, Freundschaft, Sexualität und Aidsgefahr" beschäftigen, damit sie diese in ihrer Einrichtung in Form von Projekttagen, Gesprächskreisen, Filmreihen, Videoproduktionen usw. aufgreifen bzw. einbringen können. Dazu aber sollten sie die Gelegenheit nutzen, sich vorher mit den eigenen Einstellungen und Normen auseinander zu setzen. Jugendliche brauchen erwachsene Gesprächspartner und Gesprächspartnerinnen, die gerne und lustvoll über Sexualität sprechen können - und dies können sie nur, wenn sie tatsächlich über Fachwissen verfügen.

Gut ausgebildete Fachkräfte sind vorbereitet. Sie können den Jugendlichen mit dem Gefühl begegnen, vor deren Fragen nicht zu erschrecken. Sie sollten sich also systematisch vorbereiten. Aber wie macht man das?

Gerade bei dem Thema Sexualität ist es nicht sinnvoll, spontan und "aus dem Bauch heraus" zu antworten, weil Jugendliche gerade bei diesen Themen sehr deutlich Verunsicherungen, Tabus und unklares Fachwissen herausspüren. Und dann stellen sie ihre Fragen lieber gar nicht mehr.

Oft wird in der außerschulischen Arbeit mit Jugendlichen die Sozialarbeiterin bzw. der Sozialarbeiter durch vermeintlich nebensächliche Situationen zwischen Tür und Angel provoziert. Jugendliche tun das gerne, sie stellen mit ihren Provokationen aber oft Fragen - Mädchen und Jungen testen auf diese Weise durchaus auch die Lockerheit des Ansprechpartners oder Ansprechpartnerin. Sie wollen wissen wie jemand eingestellt ist, ob sie
ihre Fragen hier überhaupt landen könnten.

Wenn Fachkräfte sich eine Haltung erarbeitet haben, die es ihnen erlaubt auch mit Irritationen umzugehen, dann wirken sie authentisch, dann sagen Jugendliche, dass da was "rüber kommt".

Wer ehrlich und persönlich ist, wird von den Jungen und Mädchen eher akzeptiert als ein Mensch, der sich quält, um locker zu wirken. Sich für Situationen zu wappnen und vorbereitet zu sein, bedeutet, lachen zu können. Erlaubt ein Gespräch über Sexualität auch Gelächter und gelingt es dem Ansprechpartner, auch über etwas abwegig vorgebrachte Themen mit Humor zu reagieren statt mit einer sachlich ernsten Aufklärungshaltung, sendet er eine wichtige Botschaft: Er vermittelt den Jugendlichen, dass er sie ernst nimmt.

Doch Vorsicht: Witze sollten unbedingt überprüft werden, ob sie als Ausdruck von Unsicherheit genutzt werden - denn dann erhalten sie leicht zynischen oder zotigen Charakter. Sexuelle Witze und Zoten sind ein deutliches Zeichen, dass hier vermeintliche Lockerheit auf Kosten von Menschen, die in diesen zotigen Witzen abgewertet werden, markiert wird.

- Ende Kapitel I -

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